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Mit Adorno in den Ferien : Wenn ich mich der Sonne exponiere

Endlose Sommerfrische: Theodor W. und Gretel Adorno1963 in Sils Maria Bild: Lotte Tobisch, Theodor W. Adorno Archiv

Auch der kritische Theoretiker braucht mal Urlaub: Mit Adorno gehen wir in die großen Ferien der Frankfurter Schule. Bei der Suche nach schönen Stellen können wir uns auf den Ästhetiker verlassen, auch wenn er nachher über den Urlauberblick auf die Natur wetterte.

          Als Adorno jung war, machte man eigentlich noch keinen Urlaub, schon gar nicht einen Abenteuerurlaub. Man fuhr in die Sommerfrische. Und dabei war nicht die Sehnsucht nach fernsten Fernen maßgebend; lieblich gelegene Städtchen, mit der Eisenbahn bequem erreichbar, standen höher im Kurs.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Sommerfrische ist anzumerken, dass sie tourismusgeschichtlich zu einer vergangenen Epoche gehört; einer, in der Adel und gehobenes Bürgertum sich die pittoresken, romantischen Ferienorte aussuchten. Das Wort hat wohl auch einen etwas österreichischen, an Arthur Schnitzler und Stefan Zweig erinnernden Klang. Adornos Frau Margarete, genannt Gretel, fragte im Sommer 1947 bei ihrer Schwiegermutter an: „Was machst Du den ganzen Tag? Wie ist das Wetter? Sind die Leute nett zu Dir und was für Sommerfrischler sind heuer dort?“

          Kaum etwas ist so alteuropäisch wie die Sommerfrische – alteuropäisch aber genau in dem historischen Moment, da mit dem Schienenverkehr die Moderne einsetzte. In die Epoche der Flugzeuge passt sie nicht mehr. War sie nicht schon mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu Ende? Es gibt ein Gedicht von Alfred Lichtenstein, einem Lyriker, der im Herbst 1914 schnell fiel, das den Titel „Sommerfrische“ gleichsam als Inbegriff der endenden bürgerlichen Ära vorstellt: „Der Himmel ist wie eine blaue Qualle. / Und rings sind Felder, grüne Wiesenhügel – / Friedliche Welt, du große Mausefalle, / Entkäm’ ich endlich dir ... O hätt ich Flügel – / Man würfelt. Säuft. Man schwatzt von Zukunftsstaaten. / Ein jeder übt behaglich seine Schnauze. / Die Erde ist ein fetter Sonntagsbraten, / Hübsch eingetunkt in süße Sonnensauce. / Wär doch ein Wind ... zerriss mit Eisenklauen / Die sanfte Welt. Das würde mich ergetzen. / Wär doch ein Sturm ... der müsst’ den schönen blauen / Ewigen Himmel tausendfach zerfetzen.“ Da wird der Zusammenbruch der alteuropäischen Ordnung in einem Bild der äußersten, höhnisch gezeichneten Banalität vorweggenommen. Adorno aber hing an dieser Ordnung, was immer er auch gesellschaftstheoretisch gegen sie einwenden mochte.

          Eine Theorie der Erholung

          Die Sommerfrische war auch kein Kurzurlaub. Man fuhr für mindestens vier Wochen mit der ganzen Familie aufs Land, um sich einem langsameren Rhythmus anzuvertrauen. Unausgesprochen stand dahinter die Idee einer Versöhnung von Natur und Kultur, wie sie in der Stadt nicht zu haben war. Ganz von diesem Feriengedanken war noch Adornos Abituraufsatz geprägt, mit dem etwas altbackenen, tatsächlich an die Sommerfrische gemahnenden Titel „Die Natur, eine Quelle der Erhebung, Belehrung und Erholung“.

          In seiner Kindheit fuhr die Familie Wiesengrund nach Amorbach, in die milde Hügellandschaft des fränkischen Odenwalds; gelegentlich auch in den hinteren Taunus in die Nähe von Camberg (heute Bad Camberg). Das „Hotel Post“ in Amorbach wirbt inzwischen mit seinem Beinamen als „Adorno-Haus“. Und kaum war Adorno aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrt, zog es ihn wieder in die Ideallandschaft seiner Jugend. Am 24. September 1949 meldete er an die Mutter: „Es war keine Absicht, aber nun will es mir doch symbolisch erscheinen, dass ich Deinen fünfundachtzigsten Geburtstag in Amorbach verbringe. Es ist schließlich doch das einzige Stückchen Heimat das mir blieb – äußerlich ganz unverändert und womöglich noch verschlafener als früher –, und wenn irgendwo, dann hab ich hier das Gefühl als ob Du bei mir wärest wie früher.“

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