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Michel Serres wird achtzig : Der Philosoph ist der Bote

Bei ihm ist es keine Freiheit des Alters, sondern eine lange schon eingeübte: Michel Serres Bild: AFP

Wie ein Engel durch Raum und Zeit: Mit Argumenten hält sich Michel Serres nicht auf - er setzt auf die Geste, mit der er Verbindungen herstellt und Geschichten erzählt . Heute wird der französische Philosoph achtzig.

          3 Min.

          Der Angelologie, der Lehre von den Engeln, wird man keine große Zukunft vorhersagen wollen. Schließlich ist kaum je von ihrer großen Vergangenheit die Rede. Hin und wieder kann sie aber doch unversehens auftauchen. So geschah es etwa, als Bruno Latour sich einmal darum bemühte, von Michel Serres genauere Aufschlüsse darüber zu erhalten, wie dessen nicht eben leicht überblickbare Bücher eigentlich zu verstehen seien. Vielleicht, warf Serres da an einer Stelle ein, hätte er doch die ganze Zeit über an einer Angelologie geschrieben. Schließlich ähnle seine Philosophie - im Gegensatz zur Tradition, die immer mit einer Form der aus einem Zentrum abstrahlenden Quelle arbeite - mehr einem Himmel, der mit Engeln gefüllt ist: mit rastlosen, lärmenden, musizierenden, ihre Botschaften durchaus nicht immer akkurat übermittelnden und überhaupt schwer zu klassifizierenden Boten.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Über so eine Engelbande hätte der heilige Thomas zwar den Kopf geschüttelt. Und sein damals noch nicht so bekannter Gesprächspartner schüttelte ihn übrigens auch, weil er durchaus eigene Vorstellungen von Engeln hatte und daran festhielt, dass sie absolut keine Botschaften übermittelten. Die beiden modernen Angelologen ließen die Sache allerdings auf sich beruhen, kehrten aber später doch beide zum Thema zurück. Serres insbesondere tat es mit Verve. Seine um Begriffe wie Kommunikation, Übersetzung, Übergang, Störung und Rauschen kreisenden Texte hatte er bis dahin unter das Zeichen des Götterboten Hermes gestellt. Nun konnten die Engel einstehen für eine „Welt, die zugleich durchmischt, lodernd, streng, hermetisch, panisch, heiter und offen ist; für eine Philosophie der Kommunikation, die von netzförmigen Systemen und Störfaktoren durchzogen ist und zu ihrer Begründung einer Theorie der Mannigfaltigkeiten, des Chaos, des Lärms und des Rauschens bedarf“.

          Ein harscher Kritiker der Zeitläufte

          Und tatsächlich wird ein bündigeres Resümee zentraler Denkmotive von Serres kaum gelingen. Streng wurde der Mathematiker ausgebildet, der dann seine Doktorarbeit über die „strukturalistische“ algebraische Methode der Bourbaki-Gruppe schrieb und von der Informationstheorie (Rauschen) genauso wie später von den neuen Modellen der Biochemie (Chaostheorie) angezogen wurde. Aber die Mannigfaltigkeiten und Netzwerke lassen ebenso an die intensive Beschäftigung mit Leibniz denken, mit dem Serres auch das ausgeprägt irenische Naturell (Heiterkeit) verbindet - Engel kommen sich vielleicht ins Gehege (Störung), kämpfen aber nicht gegeneinander - und der philosophische Sinn für das enzyklopädische Ausgreifen auf die Welt. Während der Glanz der falschen Engel, von den gefallenen zu schweigen, an den harschen Kritiker der Zeitläufte erinnert (lodernd), der Serres bei aller Heiterkeit auch blieb.

          Und der Philosoph selbst als Bote, als Stifter von Verbindungen und Übergängen, gehört natürlich mit ins Bild. Akademisch einzuhegen waren seine Bewegungen von Anfang an nicht. Dass er ab Ende der sechziger Jahre an der Pariser Sorbonne und später auch in Stanford eine Professur für die Geschichte der Wissenschaften innehatte, rechnete Serres selbst eher unter die institutionellen Unumgänglichkeiten - selbst wenn er als Herausgeber für die Wissenschaftsgeschichte auch im halbwegs schulmäßigen Sinne etwas tat. Auch die vielen Bände des von ihm auf den Weg gebrachten „Corpus des OEuvres de Philosophie en Langue Française“ sollten nicht unerwähnt bleiben.

          Wie die Engel durch Raum und Zeit

          Die Aufnahme in die Académie française wurde dem beharrlich auf sein Außenseitertum bestehenden Philosophen schon eher gerecht, der im Nu von der Geometrie zur Literatur wechselt, von Theoremen zu Geschichten, von der Thermodynamik zu Zola, von Lukrez zu den Fraktalen, von der Kristallographie zu Balzac oder von der explodierenden „Challenger“ zur Erzählung der Baals-Opfer. Kreuz und quer wie die Engel durch den Raum und vor allem die Zeit, gelehrt und höchst idiosynkratisch, mit Argumenten sich nicht aufhaltend, sondern auf die Geste setzend, mit der die Verbindungen hergestellt und Geschichten erzählt werden, ohne Scheu auch vor dem hohen Ton: lodernd wie feiernd, das eine nicht ohne das andere.

          Es ist das keine Freiheit des Alters bei Serres, sondern eine lange schon eingeübte. Bruno Latour rang sie seinerzeit den etwas ironischen Seufzer ab, dass das Bildungsziel des jungen Mathematikers, Philologen und ehemaligen Schülers der Marineakademie - mit Seemannserfahrungen, die in seinen Texten reichen Niederschlag gefunden haben - also offensichtlich die Rolle des Einzelgängers jenseits aller Richtungen, Programme und Schulen gewesen sei. Die Texte kann man hermetisch oder auch glasklar finden, nur debattieren lässt sich über sie schwer, was ihrem friedliebenden Autor nur recht ist, der akademische Scharmützel gern mit journalistischen Aufbereitungen in einen Topf wirft, weil er von beiden nichts hält. Bevor wir hier am Ende noch seinen Unwillen auf uns ziehen, sei deshalb mit der Bemerkung geschlossen, dass Michel Serres an diesem Mittwoch achtzig Jahre alt wird.

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