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Zum Tod von Iring Fetscher : Marxismus mit Märchen

Ironie und Doktrin: Iring Fetscher Bild: dpa

Seinen Marx-Studien verdanken wir ein aufgefächertes Bild des Marxismus. Mit Ironie verwandelte er ihn sogar zum populären Märchenstoff. Jetzt ist der Politikwissenschaftler Iring Fetscher im Alter von 92 Jahren verstorben.

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          Wer über „Hegels Lehre vom Menschen“ promoviert wurde und 1959 über „Rousseaus politische Philosophie“ habilitierte, dessen Weg musste früher oder später auch auf die Theorien von Karl Marx treffen. Während des Kalten Kriegs aber wurden, anders als es die Fama will, durchaus nicht nur Kampfschriften gebraucht, sondern auch objektive, von einem gewissen Verständnis der Grundanliegen Marxens durchzogene Darstellungen. So entstanden aus der Feder von Iring Fetscher gediegene kritische Bücher.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

          „Von Marx zur Sowjetideologie“ etwa, 1956 erstmals erschienen und sich vieler Auflagen erfreuend, versprach im Untertitel „Darstellung, Kritik und Dokumentation des sowjetischen, jugoslawischen und chinesischen Marxismus“. Man merkt schon hier die Differenzierung, die für ein begründetes politisches Urteil entscheidend war. Statt eines marxistischen Blocks standen nämlich nun national differenzierte und bald unter sich heftig zerstrittene Marxismen dem Westen gegenüber. Ähnlich pluralisierend wirkte Fetschers Dokumentation „Der Marxismus“ (1965), indem Austromarxismus und deutscher SPD-Revisionismus neben der Leninschen Lehre von der disziplinierten Kaderpartei zu Wort kamen.

          Marx mit Ironie

          Fetscher eigene Sympathien lagen bei der Sozialdemokratie, deren Grundwertekommission er angehörte. Lange lehrte er an der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität. Unter Fetschers Schülern ist vor allem Herfried Münkler zu nennen. Populär bei einer nicht nur akademischen Leserschaft wurde Fetscher durch das Buch „Wer hat Dornröschen wachgeküsst?“ (1973), in dem er etwa, mit einem ironisch aufgehellten Marxismus, den Dornröschen-Stoff unter der Rubrik „Sexuelle Probleme von Königstöchtern“ verhandelte.

          Fetscher, geboren am 4. März 1922 in Marbach am Neckar, gehörte zu jenen, die an den Nationalsozialismus noch eine lebendige Erinnerung hatten. Sie war tragisch: Am 8. Mai wurde sein Vater in Dresden erschossen, als er auf dem Weg zu den sowjetischen Linien war; vielleicht von der SS, vielleicht aber auch von Soldaten der Roten Armee. Fetscher hat später bekannt, wie schwer es ihm fiel, sich der Wirkung von Goebbels’ Rede zum „totalen Krieg“ im Februar 1943 zu entziehen.

          Eine Mitgliedschaft in der NSDAP allerdings, die in den Akten verzeichnet ist, bestritt er; ihm sei zwar von der Partei zur Aufnahme gratuliert worden, da er sich indes schon vorher freiwillig zur Wehrmacht gemeldet habe und dem Soldaten damals die Parteimitgliedschaft noch untersagt gewesen sei, könne der Eintrag nur ohne sein Wissen vollzogen worden sein. Am Samstag ist Iring Fetscher in Frankfurt verstorben.

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