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Martin Luther : Die Leibesfülle des feisten Doktors

Dass der Reformator Martin Luther körperlich durchaus beeindruckend war, spiegelt auch sein Totenbild (hier in einer Ausstellung des Deutschen Historischen Museums 2008) wider. Bild: dpa

Luther war physisch äußerst stattlich. Seine Leibesfülle spiegelte sich aber nicht nur in seinen somatischen Tischreden, sie beeindruckte selbst die anti-reformatorische Polemik.

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          Den religiösen Charismatiker, gar den Heiligen stellen wir uns als einen asketischen Menschen vor. Martin Luther war eine Ausnahme. 1524 zeichnete ihn Lucas Cranach noch als knochigen Mönch, spätestens ab 1529 - da war Luther sechsundvierzig - erscheint er auf zeitgenössischen Bildern sehr wohlgenährt. Das war keine „kulturelle Konstruktion des Körpers“, es entsprach historischen Tatsachen. Auf dem Augsburger Reichstag 1530 war notiert worden, der Mann habe an Umfang deutlich zugenommen.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Die in Oxford lehrende australische Historikerin Lyndal Roper ist in einer kleinen, lehrreichen Studie der Frage nachgegangen, welche symbolische Bedeutung Luthers Leibesfülle im damaligen religiösen Kontext hatte (Der feiste Doktor. Luther, sein Körper und seine Biographen, Göttingen 2012). Denn Luthers Gewicht passte zu dem, was er repräsentierte: den dem Mönchstum entlaufenen, der Welt zugewandten, verheirateten Kirchenmann. Man konnte ihn ebenfalls leibesmächtigen Herrschern gegenüberstellen oder mit dem ausgemergelten Gelehrten Melanchthon vergleichen; beide Male teilte der dicke Mann Luther Volkstümlichkeit mit.

          Luthers Kampf mit dem Teufel war komisch

          Wer - angeblich - gesagt hatte, hier stehe er und könne nicht anders, zu dem passte eine Standfestigkeit, die sich nicht so leicht wegtragen ließ. Solche Bilder Luthers, die der Werkstatt Cranachs entsprangen, wurden damals wie Poster gehandelt und hingen in vielen frommen Häusern. Selbst die antireformatorische Polemik, die Luther durchaus als Schwein, sexuell ungezügelt und dem Bier zugetan darstellte, zeigte sich von seiner physischen Stattlichkeit und den Konnotationen des Väterlichen, Mächtigen, Groben beeindruckt und verzichtete darauf, über seine monumentale Gestalt zu spotten. Als nach Luthers Tod seine „Tischreden“ herauskamen, setzte sich vollends das Bild des derben, expressiven, somatischen Redners durch.

          Vor allem an Luthers ständiger Bezugnahme auf den Teufel entdeckt Roper diese Züge wieder. Sein Kampf mit dem Satan sei „zwar kosmisch, aber auch komisch“, von grobem Humor aus dem Motivbereich der Verdauung geprägt gewesen. Aus seiner Analrhetorik haben Psychoanalytiker später den Schlüssel zur Person gemacht, dabei allerdings nicht nur manches Trauma Luthers erfunden, für das es keine Belege gibt, sondern auch ignoriert, dass Luther für Verdrängungsdiagnosen kein geeignetes Subjekt ist. Er war nicht sehr implizit. Wer sich von Melancholie oder vom Teufel bedroht sah, dem empfahl Luther Essen, Trinken und Gedanken an Mädchen, Scherzen und Sündigen. Der Teufel, so Roper, sei keine „verschobene Materialisierung“ der Komplexe Luthers, vielmehr rede Luther über den Teufel wie die Exkremente völlig ungehemmt. Noch sein Festhalten an der Realpräsenz der Eucharistie, die ihn von der Essenzenlehre der Katholiken wie der Zeichenlehre Zwinglis trennte, dokumentiere sein Desinteresse, Physisches abzuwerten oder transzendieren zu wollen. „Wiltu aber den leib darumb verwerffen, das er rotztet, eitert und unrein machet, so stich dir selb den Hals abe.“ Oder theologischer: „Das Wort sagt, dass Christus einen Körper hat. Das glaube ich“, wie es im Marburger Religionsgespräch von 1529 hieß.

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