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Malischer Putschist : Zauberkräfte der Jäger

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Hauptmann Amadou Haya Sanogo putschte sich März 2012 in Mali an die Macht. Bild: AFP

Theatralik der Macht und Magie: Die Inszenierung des malischen Putschistenführers Sanogo knüpft an Mythen und spirituelle Traditionen des Landes und der Bewohner an.

          Als einer der Katalysatoren für die dramatische Entwicklung in Mali gilt der Staatsstreich, bei dem der damals neununddreißigjährige Hauptmann Amadou Haya Sanogo im März 2012 den amtierenden Präsidenten Amadou Toumani Touré stürzte. Wenngleich der Putschistenführer schon kurz danach offiziell die Macht an eine neue Zivilregierung übergab, demonstrierte er zuletzt im Dezember mit der Absetzung des Ministerpräsidenten Modibo Diarra, dass er immer noch die Fäden in der Hand hält. Sanogos Charisma rührt, so glaubt der amerikanische Anthropologe Bruce Whitehouse, aus seinem Geschick, sich als Held im Besitz besonderer Kräfte darzustellen. Dabei nutzt er ebenso westafrikanische Herrschermythen wie lokale malische spirituelle Traditionen (Bruce Whitehouse, „The Force of Action: Legitimizing the Coup in Bamako, Mali“, in: Africa Spectrum, Jg. 47, Heft 2/3, Institute of African Affairs, GIGA, Hamburg 2012).

          Den Stock führt Sanogo ständig mit sich, da die Malier glauben, er hätte magische Kräfte.

          Den Staatsstreich rechtfertigte der Putschist nicht nur mit dem Hinweis auf die prekäre Sicherheitslage und die Untätigkeit des Präsidenten, sondern auch mit der Dringlichkeit sozialer und wirtschaftlicher Reformen. Volksnähe demonstrieren sollte weit mehr das mystifizierende Bild, das er von Beginn an in der Öffentlichkeit von sich zeichnete. Dieses suggeriert einen Herrschertypus, der aus Sicht des Autors klare Bezüge zu den Heldenmythen der westafrikanischen Mande-Völker aufweist. Sie gehen zurück auf Überlieferungen über den Gründer des großen mittelalterlichen Mali-Reichs, Sunjata Keita (rund 1190 bis 1260), und andere, mit ihm assoziierte berühmte Feldherren. Die Legenden kursieren nicht nur in mündlicher Erzählform, sondern werden in traditionellen Volksliedern wie in der modernen Populärmusik des Landes besungen und von der Fernseh- und Filmindustrie im Land häufig aufgegriffen.

          Von Gott gesandt

          Sie kreisen um die Figur eines jungen Helden, den die Trägheit und die Not der Gesellschaft zur Tat drängen. Er ist berufen, herrschende Hierarchien aufzubrechen, was mitunter zu politischer Instabilität führt. Doch durch seine Beziehungen zu einflussreichen Gesellschaftsgruppen, die gemäß der westafrikanischen Tradition über besondere Kräfte verfügen, vermag der Retter das politische Gleichgewicht wieder herzustellen. Zu diesen Gruppen gehören etwa die Zauberer. Sie sind im Besitz des „daliluw“, das in der malischen Bamanan-Sprache als besondere spirituelle Kraft verstanden wird. Wie den Zauberern, so der Volksglaube, ist auch Schmieden und Jägern die Fähigkeit gegeben, das „nyama“, die alles aus dem Hintergrund beherrschende magische Energie, in eine positive Richtung zu lenken.

          Den Anstecker der Marines trägt Sanogo immer auf der rechten Brust, egal welche Uniform er trägt. Im frankophonen Mali verleiht ihm das die Aura des Besonderen.

          Als in der ersten Phase des Staatsstreichs das Gerücht die Runde machte, Putschistenführer Sanogo sei bei einer bewaffneten Auseinandersetzung erschossen worden, wählte er für seinen kurz danach inszenierten Fernsehauftritt eine besondere Aufmachung. Unter seiner Militäruniform schaute wie eine Art Unterhemd ein sogenanntes „Dozofini“ hervor. Das Kleidungsstück wird in der malischen Folklore mit Angehörigen der Jägerkaste (Dozos) assoziiert, denen spezielle magische Kräfte zugeschrieben werden - etwa sich unsichtbar zu machen oder in Tiere zu verwandeln. Für gänzlich unverwundbar werden sie dann gehalten, wenn sie ein ledernes Amulett tragen, was Sanogo in der ersten Putschphase bei seinen öffentlichen Auftritten dann ebenfalls tat.

          Die Aura des Unverwundbaren pflegt er seitdem vor allem durch das ständige Mitführen eines Stocks, von dem die Malier glauben, dass er eine magische Schutzfunktion hat. Der Holzstock soll von Zauberern der im Südosten des Landes beheimateten Volksgruppe der Senufo angefertigt worden sein, die wegen ihrer Fähigkeit, unsichtbare Kräfte zu manipulieren, ebenso geachtet wie gefürchtet werden. Sanogo macht denn auch keinen Hehl daraus, dass sein Vater ein Angehöriger der Senufo ist. Dass der Sohn noch nie seinen Fuß auf Senufo-Land gesetzt haben soll, mindert den Schein des Mysteriösen offenbar nicht.

          Sanogo setzt zudem alles daran, sich als Führerfigur zu inszenieren, die nicht nur besondere spirituelle Fähigkeiten auszeichnen, sondern die auch religiöses Charisma besitzt. Letzteres stützt sich auf Sanogos zweiten Vornamen Haya, der in der Bamanan-Sprache „wunderwirkender Koranvers“ bedeutet und in der Berichterstattung der staatlich gelenkten Medien nie fehlen darf. Hauptmann Sanogo ist denn auch der Überzeugung, von Gott gesandt worden zu sein, was er mehr als nur einmal öffentlich verkündet hat.

          Die Palette der zur Schau gestellten Hinweise auf seine außergewöhnlichen Kräfte rundet ein Anstecker der amerikanischen Marines ab, den Sanogo stets - egal, in welcher Uniform er auftritt - auf der rechten Brust trägt. In einem frankophonen Land wie Mali verleiht dies dem Offizier, der eine Ausbildung bei der amerikanischen Armee absolvierte und gut Englisch spricht, eine zusätzliche Aura des Besonderen. So wird auch signalisiert, dass er noch weitere Verbündete im Ausland hat als nur die einstigen französischen Kolonialherren.

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