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Mafia : Die Ökonomie der kriminellen Dienstleistung

Bild: Mayk

Zwei Italiener in Oxford haben die Soziologie der Mafia neu geschrieben: Nicht die Ethnologie, sondern die Wirtschaftssoziologie ist seitdem die führende Disziplin der Mafiaforschung.

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          Spätestens seit im Jahr 2007 in Duisburg sechs Italiener in einem Kugelhagel starben, gilt es als ausgemacht, dass sich die Mafia auch in Deutschland festgesetzt hat, hier ihren Geschäften nachgeht und ihre Fehden austrägt. Den Anschein eines regional verankerten, auf vormodernen Rechtsvorstellungen und einer Moral der Männerehre beruhenden Familienunternehmens hatte die Mafia, deren Existenz seit etwa 1830 aktenkundig ist, schon zuvor verloren. Pino Arlacchis klassische Studie „Mafiose Ethik und der Geist des Kapitalismus“ räumte 1986 damit auf. Nicht die Ethnologie, sondern die Wirtschaftssoziologie ist seitdem die führende Disziplin der Mafiaforschung. Bereits 1876 hatte Leopoldo Franchetti, der „Tocqueville von Sizilien“, in seinem klassischen Report die Mafia als eine „Industrie der Gewalt“ bezeichnet.

          Das Zentrum der Mafiaforschung, die hundert Jahre später begann, liegt derzeit in Oxford. Am dortigen „Extra-LegalGovernance Institute“ - was mit „Institut für illegale Organisationstechniken“ übersetzt werden könnte - arbeiten Diego Gambetta und Federico Varese. Der aus Turin stammende Gambetta ist einer der interessantesten Soziologen der Gegenwart, der hochintelligente Bücher und Aufsätze zum Bildungaufstieg (“Were they pushed or did they jump?“, 1987), zu Selbstmordattentätern (“Making Sense of Suicide Missions“, 2004), zur Frage, weshalb unter den islamischen Terroristen so viele Ingenieure sind (“Engineers of Jihad“, 2007), und zur Vertrauensbildung in anonymen Situationen (“Streetwise. How Taxi Drivers Establish Customers' Trustworthiness“, 2005) vorgelegt hat.

          Was der Staat für illegal erklärt, bietet die Mafia an

          Sein Buch über die sizilianische Mafia (“The Sicilian Mafia. The Business of Private Protection“, Harvard University Press, 1993) hat Maßstäbe für die Theorie der organisierten Kriminalität gesetzt. Für Gambetta ist die Mafia nämlich nicht in erster Linie durch Drogenhandel, Prostitution, Erpressung oder illegale Praktiken im Baugewerbe charakterisiert. Man dürfe den illegalen Markt für Güter, der von ihr geschützt werde, nicht - wie noch Arlacchi - mit dem illegalen Markt für Schutz verwechseln, auch wenn sie auf beiden tätig ist. Die Mafia offeriert eine Dienstleistung zweiter Ordnung: privaten Schutz für Aktivitäten, die auf staatlichen Schutz nicht rechnen können. Wer Roberto Savianos Berichte über die von der Camorra organisierten Handelswege des Hafens von Neapel - etwa für illegal hergestellte Modeartikel - gelesen hat, kennt Beispiele dafür (Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra, München 2009).

          Das, was der Staat für illegal erklärt, bietet die Mafia an, im Rahmen ihres Gewaltoligopols - denn es gibt stets mehrere Mafien - gewissermaßen „zivilgesellschaftlich“ zu ordnen. Was von der Rechtsordnung aus gesehen ein Mord ist, bezeichnet die Mafia darum als Todesstrafe, was wir für Erpressung halten, sind für sie Steuern, was für uns die Androhung von Gewalttaten ist, stellt für sie die Regulation von Wettbewerb dar. Noch dort, wo sie selber die Gewalt ist, vor der sie zu schützen vorgibt, stellt sich das aus Sicht derjenigen, die sich darauf einlassen, als Markteintrittsbarriere gegenüber der Konkurrenz dar, die sich nicht darauf einlässt.

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