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: Lebenswerk

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Daß die Kategorie des Lebenswerks heute, zumindest im geisteswissenschaftlichen Betrieb, keine Anwendung mehr finden könne, war vor Jahren eine Lieblingsthese des Kunsthistorikers Martin Warnke. Dachte ...

          Daß die Kategorie des Lebenswerks heute, zumindest im geisteswissenschaftlichen Betrieb, keine Anwendung mehr finden könne, war vor Jahren eine Lieblingsthese des Kunsthistorikers Martin Warnke. Dachte man an die großen Gelehrten des neunzehnten Jahrhunderts, an die Konzentration und Geschlossenheit ihres OEuvres und demgegenüber an die Fülle von Gelegenheitsarbeiten, an die weitgestreute Mitarbeit an Projekten, die auf mehreren Schultern ruhen, an das geschrumpfte Publikum für Werke langen Atems, dann war man gerne bereit, der These Warnkes zuzustimmen. Aber er hatte eines übersehen: Er hatte seine Beobachtung für sich selbst jedenfalls zu früh gemacht, er hatte vergessen, daß ein Lebenswerk Zeit braucht, um überhaupt hervorzutreten. Für den Hamburger Emeritus der Kunstgeschichte dürfte jetzt der Zeitpunkt gekommen sein, um seine voreilige Frage nach dem Lebenswerk zu beantworten - oder durch andere beantworten zu lassen.

          Eine solche Gelegenheit bot an diesem Montag in Düsseldorf die Verleihung des ersten Internationalen Gerda Henkel Preises für Geisteswissenschaften, der künftig alle zwei Jahre verliehen werden soll. Auch wenn der nüchterne und großen Worten abgeneigte Kunsthistoriker nicht alle rühmenden Worte, die Christina Weiss in ihrer Beschreibung seines akademischen Weges fand, als den endgültig erbrachten Beweis des Lebenswerks genommen haben mag, war doch ersichtlich, daß es ein durchlaufendes Motiv seiner weitgestreuten Forschungen gibt: das Politische. Rubens, über den er promovierte, interessierte ihn als Diplomat und Politiker, und die kritische Kunstgeschichte, die er 1970 auf dem Kölner Kunsthistorikertag mit einer Analyse der politischen Implikationen und Anfälligkeiten der Sprache der Kunsthistoriker mit auf den Weg gebracht hat, wirken noch heute wie Vorstöße in ein vermintes Gelände.

          Daß alles politisch sei, war ja ein Slogan der Achtundsechziger. Aber kaum einer hat diese Überzeugung so ernst genommen, um auf sie solide Forschung zu gründen. Das blieb Martin Warnke vorbehalten, als er sein unübersehbares Arbeitsfeld zu erschließen begann: durch ein hochmodernes Archiv für Politische Ikonographie. Daß dies ein neuer Zweig der weitgefächerten ikonographischen Erforschung von Kunstwerken werden könnte, war damals noch nicht abzusehen, kann heute aber durch die Fülle der Erträge nicht mehr ernstlich bezweifelt werden. Darin bestätigt sich aber nicht etwa jener Slogan, daß alles politisch sei, sondern plausibler ist die Erklärung, daß die Künste der Vergangenheit erst durch ihre ästhetische Verklärung um ihre politischen Aussagen verkürzt wurden.

          Im Rückblick erscheinen andere, für einen Kunsthistoriker ungewöhnliche Initiativen Warnkes, wie die Rettung des Hamburger Warburg-Hauses und die Erneuerung der 1933 hier erloschenen Forschungen, als sorgfältig geplante Schritte. Daß das Politische auf elende Weise zum Schicksal der von Aby Warburg begründeten Schule geworden war, die daraufhin aber international aufblühte, mag ein zusätzlicher Antrieb gewesen sein, die politische Ikonographie in den Mittelpunkt der Erforschung des Bildsinns zu rücken. Es war der Schritt zu einem entschiedenen Realismus des Bildverstehens.

          Die politische Ikonographie ist so etwas wie die Traumdeutung des Alltags. Ihre Bedeutungen müssen mühsam freigelegt und gesichert werden, aber wenn sie entziffert sind, führen sie in einen taghellen, wenn auch oft genug bedrückenden Alltag. Das Politische ist gewiß nicht alles, aber Kunstwerke stehen oft genug, auch ohne sich in Visionen zu versteigen, in einer konstitutiven Spannung zum Politischen. Was für die Architektur am ehesten einleuchtet, gilt nicht weniger für die "politische Landschaft", der Warnke eine subtile Studie durch Jahrhunderte und Kunstregionen hindurch gewidmet hat. Und sein am Abend der Preisverleihung gehaltener Vortrag über "Könige als Künstler", der ein eher skurriles Seitenthema zu beleuchten schien, entpuppte sich als ein gespenstischer Fundus von Herrschaftsgedanken, die zuletzt in der Vorstellung der Diktatoren kulminieren, daß für die Herrscher die Untertanen das Material sind, aus dem sie ihre Kunstwerke schaffen.

          Wie hier eine Episode der politischen Ikonographie der anderen das Stichwort gab, war ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie die Dinge sich selbst ordnen, wenn man sie nur läßt. Diese hohe Schule der Nüchternheit, die alles Pathos den Sachen überläßt, hat ansteckend gewirkt auch auf die Schüler und Kollegen, die sich von Warnke aufs Feld der politischen Ikonographie locken ließen. Von Schülerschaft braucht dabei nicht die Rede zu sein, Anregungskraft genügt. Denn die richtig gestellten Fragen haben ein Eigenleben und suchen sich ihre Adepten. Nicht nur das Vormachen, die Produktion von Musterstücken, kann intellektuelle Folgen größeren Ausmaßes haben, schon die Initiative, der präzise Anstoß bewirken Erstaunliches, wenn sie nicht nur einzelne Resultate zeitigen, sondern ein Verfahren zu deren Erzeugung etablieren. Durch seine Gabe der Initiative, vor allem bei der Erneuerung des Warburgschen Erbes durch die Rückgewinnung des Warburg-Hauses, hat Martin Warnke sich selbst lebenswerkfähig gemacht. Die Düsseldorfer Preisverleihung hat dies, zum Vorteil des Preises, eindrucksvoll deutlich gemacht. Henning Ritter

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