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Kulturkritik : Ist Hecheln unsere Leitgeschwindigkeit?

Wo ist der Platz des Intellektuellen? Jürgen Habermas stieß eine Debatte an Bild: picture-alliance/ dpa

Warum ist die Urteilskraft des öffentlichen Intellektuellen heute wichtiger denn je? Weil wir unter einem ökonomistischen Diktat der Fristen stehen, das unser übergreifendes Denken bedroht.

          5 Min.

          Vollzieht sich in unserer Mediengesellschaft ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit, der der klassischen Gestalt des Intellektuellen schlecht bekommt? So fragte vor zwei Jahren Jürgen Habermas anlässlich der Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises in Wien. Habermas stieß damit eine Debatte über die gewandelte Rolle der Berufskritiker an, über das Verhältnis von Journalisten, Fachexperten und eben dem Typus des intellektuellen Eingreifers, der etwa als Schriftsteller oder Philosoph in zentralen gesellschaftspolitischen Fragen von Zeit zu Zeit die Szene aufmischt. „Vom klugen Journalisten“, so Habermas, sollte sich dieser Typus „weniger durch die Form der Darstellung als durch das Privileg unterscheiden, sich nur nebenberuflich um die öffentlichen Dinge kümmern zu müssen“.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          In Wien hatte Habermas die Koordinaten einer Debatte vorgegeben, die deshalb so anregend ist, weil sie eben nicht nur im Medientheoretischen verbleibt, sondern nach den veränderten Bedingungen von politischer Öffentlichkeit fragt, nach den Möglichkeiten von Kulturkritik. „Auf der einen Seite“, so Habermas, „hat die Umstellung der Kommunikation von Buchdruck und Presse auf Fernsehen und Internet zu einer ungeahnten Ausweitung der Medienöffentlichkeit und zu einer beispiellosen Verdichtung der Kommunikationsnetze geführt. Die Öffentlichkeit, in der sich Intellektuelle wie Fische im Wasser bewegt haben, ist inklusiver, der Austausch intensiver geworden denn je zuvor. Andererseits scheinen die Intellektuellen am Überborden dieses lebensspendenden Elements wie an einer Überdosis zu ersticken. Der Segen scheint sich in Fluch zu verwandeln. Die Gründe dafür sehe ich in einer Entformalisierung der Öffentlichkeit und in einer Entdifferenzierung entsprechender Rollen.“ Der wünschenswerte Zuwachs an Egalitarismus, den uns das Internet beschert, werde mit der Dezentrierung der Zugänge zu unredigierten Beiträgen bezahlt. Habermas ernüchtert: „In diesem Medium (Internet) verlieren die Beiträge von Intellektuellen die Kraft, einen Fokus zu bilden.“

          Der angenommene Kraftverlust solcher Beiträge ist ein eminent politischer Befund. Verpuffen diese Beiträge heute noch schneller, als sie es ohnehin schon immer taten, weil sie - rein medienpraktisch - keinen Fokus mehr bilden können? Das hätte dann in der Tat Folgen für die Herstellung politischer Öffentlichkeit, zu welcher der „eingreifende“ Intellektuelle gehört, ob er sich nun in Zeitung, Fernsehen oder Internet äußert. Diese verfassungsrechtlich verbürgte Rolle nur widerwillig zugestehen oder gar in Abrede stellen zu wollen, gehört zum tragischen Selbstmißverständnis von Politikern, Rechtsgelehrten oder Wirtschaftsvertretern, die die Prozesse der Meinungsbildung in eigener Regie steuern und betriebsferne Störenfriede für unzuständig erklären möchten.

          Der Intellektuelle als Feuermelder

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