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: Kristallisation

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Unter dem Datum des 27. Mai 1944 findet sich in Ernst Jüngers "Strahlungen - Das zweite Pariser Tagebuch" die sogenannte Burgunderszene, die immer wieder als Zeugnis der ästhetisierenden Kälte des Schriftstellers herangezogen wird.

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          Unter dem Datum des 27. Mai 1944 findet sich in Ernst Jüngers "Strahlungen - Das zweite Pariser Tagebuch" die sogenannte Burgunderszene, die immer wieder als Zeugnis der ästhetisierenden Kälte des Schriftstellers herangezogen wird. Es ist die Beschreibung eines abendlichen Blicks auf die Stadt Paris. Der Tagebucheintrag ist kurz: "Alarme, Überfliegungen. Vom Dache des Raphael sah ich zweimal in Richtung von Saint-Germain gewaltige Sprengwolken aufsteigen, während Geschwader in großer Höhe davonflogen. Ihr Angriffsziel waren die Flußbrücken. Art und Aufeinanderfolge der gegen den Nachschub gerichteten Maßnahmen deuten auf einen feinen Kopf. Beim zweiten Mal, bei Sonnenuntergang, hielt ich ein Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen, in der Hand. Die Stadt mit ihren roten Türmen und Kuppeln lag in gewaltiger Schönheit, gleich einem Kelche, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird. Alles war Schauspiel, war reine, vom Schmerz bejahte und erhöhte Macht."

          Diese Szene müsse neu gelesen werden, hieß es vor einiger Zeit in einem Bericht dieser Zeitung über die Funde des Jünger-Philologen Tobias Wimbauer (F.A.Z. vom 10. April 2004). Er hatte herausgefunden, daß es an diesem Abend keine alliierten Luftangriffe der beschriebenen Art gegeben hatte. Dadurch verselbständigten sich die erotischen Züge der Schilderung, und die Tatsache, daß Jünger damals eine Liebesaffäre mit einer jungen Frau hat, die im Tagebuch unter verschiedenen Namen - als Doctoresse, Camillea, Charmille, Mme d'Armenonville, Mme Daucart - vorkommt, legte die Deutung nahe, die Burgunderszene in das Szenario der Liebesaffäre einzufügen.

          Der Tagebucheintrag scheint gleichsam seinen Platz im wirklichen Geschehen mit dem in einem mythisch überhöhten Privatraum zu vertauschen. Bei einem so abrupten Schauplatzwechsel sollte man berücksichtigen, daß Ernst Jünger seine Tagebuch, wenn er es zum Druck vorbereitete, nicht nur zu überarbeiten pflegte, sondern einzelne Eintragungen gelegentlich sogar versetzte und unter andere Daten brachte (F.A.Z., 16. Juni 2005), ein Vorgehen, das Zweifel an der Authentizität der publizierten Tagebücher wecken kann, andererseits aber dazu nötigt, den literarischen Anspielungen und Bezügen größeres Gewicht beizumessen.

          Der leidenschaftliche Leser Jünger, der auch in den Pariser Tagebüchern auf jeder Seite gegenwärtig ist, tritt damit gleichberechtigt neben den Zeitbeobachter. Aus wenigem kann man so viele Aufschlüsse über Jünger gewinnen wie aus seiner Physiognomie als Leser. Einen Teil seiner offenbar nie abreißenden Lektüren hat er in seinen Tagebüchern erwähnt, vieles dürfte unerwähnt geblieben sein. So läßt sich nicht ohne weiteres sagen, ob er im Lauf der Jahre alle Romane von Balzac gelesen hat. Es liegt aber nahe anzunehmen, daß er während der Pariser Jahre gerade diesen Autor auch als Auskunftsmittel über Geschichte und Mythos dieser Stadt besonders geschätzt hat.

          In einer der Pariser Novellen Honore de Balzacs findet sich nun eine merkwürdige Passage, die als ein kleiner Exkurs in eine nicht weniger merkwürdige Liebesgeschichte eingefügt ist. Es ist die Erklärung, was ein "Burgunder" sei: "Burgunder ist der volkstümliche und symbolische Name", schreibt Balzac, als handele es sich um einen Lexikoneintrag, "den man seit der Regierung Karls VI. anwendet, wenn die Glut mit einem heftigen Geräusch auseinanderspringt und auf den Teppich oder das Kleid ein Stückchen glühende Kohle schleudert, woraus leicht ein Brand entstehen kann. Das Feuer, sagt man, befreie eine Luftblase, die ein nagender Wurm im Herzen des Holzes zurückgelassen hat. Inde amor, inde burgundus. (Der Burgunder und die Liebe haben dieselbe Quelle.) Man zittert, wenn man die Kohle, die man mit soviel Fleiß zwischen zwei flammende Scheite gelegt hatte, wie eine Lawine dahinrollen sieht. Oh, das Feuer schüren, wenn man liebt, heißt das nicht, seinen Gedanken körperlich entwickeln?"

          Die entscheidenden Motive der Burgunderszene sind in diesem "Burgunder" beisammen: die zerplatzende Glut, das Feuer, sein bedrohliches Hervorspringen, die Liebesgedanken und, wie Balzac mit Stendhal sagt, die "Kristallisation". Die Verbindung der Gefährlichkeit der zerplatzenden Glut mit der Träumerei am Feuer könne, so Balzac, angeregt durch das Schauspiel des "Burgunders", dazu führen, daß die Gedanken eine körperliche Realität annehmen - all dies entspricht den Elementen der Burgunderszene, die dieses Kamingeschehen vergrößert zu einer abendlichen Überschau über Paris, das an seinen Rändern von Explosionen heimgesucht wird.

          Vor allem aber könnte Balzacs kleine, vielleicht fiktive Etymologie - die Herausgeber der Pleiade-Ausgabe der "Comedie humaine" bleiben an dieser Stelle eine Erklärung schuldig - in das Glas, das der Schriftsteller auf dem Dach des "Raphael" in der Hand hält, den Burgunder hineingegeben haben, der an dieser Szene so provozierend wirkt. Der Protagonist von Balzacs "Etude de femme" aus den "Etudes de moeurs: Scenes de la vie privee" ist eine der wiederkehrenden Figuren der "Comedie humaine", nämlich Rastignac, der durch ein geschicktes Manöver bei einer Dame der großen Gesellschaft eine "Kristallisation" bewirkt. Darum mag es auch Jünger gegangen sein. Ihn verbindet aber mit Rastignac noch mehr. Als dieser aus der Provinz nach Paris gekommen war, hatte er auf die Stadt geblickt und ihr zugerufen: "Und nun zu uns beiden." Henning Ritter

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