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Kriegsvideo „Collateral Murder“ : Eine bittere Lektion

Screenshot des „Collateral Murder“-Videos: Pfeile markieren den Reuters-Fotograf Namir Nur-Eldin und seinen Assistenten Said Chmarunter Bild: AP

Seit der Veröffentlichung von „Collateral Murder“ tobt die Auseinandersetzung um die Bewertung des Videos. Waren die Piloten visuell überfordert? Ein neuer Essay widerspricht.

          3 Min.

          Im April 2010 veröffentlichte die Internetplattform Wikileaks ein Video, das die Tötung von Zivilisten durch die Besatzung eines Apache-Kampfhubschraubers während eines Einsatzes in Bagdad im Juni 2007 zeigt. Das Video, dem die Wikileaks-Redaktion den Titel „Collateral Murder“ gegeben hatte, war durch die elektronische Zieloptik des Hubschraubers aufgenommen worden und erschien in zwei Versionen, einer gekürzten von knapp achtzehn und einer „vollständigen“ Fassung von gut neununddreißig Minuten Länge. Die Veröffentlichung sorgte für internationales Aufsehen, löste einen Sturm der moralischen Entrüstung über die Praktiken des amerikanischen Militärs im irakischen Bürgerkrieg aus und machte Wikileaks schlagartig bekannt.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In einem Aufsatz, der im folgenden Monat in dieser Zeitung erschien, stellte der in Los Angeles lehrende Kunsthistoriker Otto Karl Werckmeister den „psychophysischen Druck“, der durch die Kombination von elektronischer Bildübermittlung und normalem Sehen im Kopf des Piloten und seines Bordschützen entstehe, in den Mittelpunkt seiner Analyse. Das militärische Ausbildungsziel, die Wahrnehmung der Besatzung „über physiologische Grenzen hinaus zu steigern“, führe zu einem Zustand visueller Überforderung, in dem „die kategorischen Unterscheidungen zwischen Wirklichkeit, Wahrnehmung und Bild verschwimmen“ könnten. Die Soldaten im Helikopter seien zwar „menschenverachtend und blutdürstig gestimmt“, aber zugleich gegen „Fehlbeurteilungen des Gesichtsfelds“ nicht gefeit gewesen.

          Assanges nachträgliches Eingeständnis

          Auf Werckmeisters Essay und die auf ihn folgende wissenschaftliche Rezeption des „Collateral Murder“-Videos antwortet nun der Kunst- und Literaturgeschichtler Gerrit Walczak ( „WikiLeaks und Videokrieg. Warum wir noch immer nicht wissen, was wir im ,Collateral Murder’-Video sahen“, in: „Mittelweg 36“, Jg. 21, Heft 4, 2012; Link zum Abstract). Werckmeister, so Walczak, sei mit seiner „Exkulpierung vermeintlich kognitiv überforderter Piloten“ schon darum gescheitert, weil er das bildgebende Verfahren verkannt habe. Die Aufnahmen zeigten keine Infrarot-, sondern Tageslichtbilder; auch seien, anders als von Werckmeister behauptet, keine Okulare im Einsatz gewesen. Von „psychophysischem Druck“ könne schon deshalb keine Rede sein, weil sich die Besatzung bei ihren Entscheidungen während des Einsatzes ausschließlich nach den Bildern der Zieloptik auf ihren Displays gerichtet habe. Pilot und Bordschütze sahen mithin genau das, was auch das Video zeigt, sie besaßen keinen Informationsvorsprung gegenüber allen späteren Betrachtern.

          Ebendiesen Vorsprung aber hatte Wikileaks ins Zentrum seiner moralischen Anklage gestellt. Unter den Opfern des Apache-Angriffs befanden sich auch zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters, der Fotograf Namir Nur-Eldin und sein Assistent Said Chmar. Auf den Aufnahmen, die Julian Assange und sein Team ins Netz stellten, sind Chmar und Nur-Eldin mit roten Pfeilen markiert; die Kamera des Fotografen ist deutlich zu erkennen. Ebenso deutlich sichtbar sind aber auch eine Kalaschnikow-Maschinenpistole im Besitz eines der Männer, mit denen das Reuters-Team sich offenbar verabredet hatte, und eine zur Hubschrauberbekämpfung geeignete Panzerbüchse im Arm eines anderen. Beides wurde von Wikileaks nicht markiert; erst nachträglich gestand Assange ein, dass einige der Männer bewaffnet gewesen seien.

          Krieg im digitalen Zeitalter

          Der wahre Skandal des Geschehens, das in dem „Collateral Murder“-Video dokumentiert ist, liegt für Walczak nicht in der Gleichgültigkeit, mit der die Piloten des Apache-Helikopters auf alles schossen, was sie vor ihr Visier bekamen, sondern in den verzerrten Lagebeschreibungen, mit denen sie ihre Vorgesetzten über die wahre Situation am Boden täuschten, um Schießbefehle zu erlangen, die den Einsatzregeln für den Häuserkampf offensichtlich widersprachen. So wurde ein Familienvater getötet, als er aus seinem Auto ausstieg, um dem verletzten Chmar zu helfen. Seine beiden Kinder, die im Wagen geblieben waren, wurden schwer verletzt. Ein unbeteiligter Passant starb, als die Besatzung eine Rakete in das Gebäude hinter ihm abfeuerte.

          In der Schnittversion von Wikileaks taucht der Passant nicht auf. Auch in der längeren Fassung wird er in der Opferbilanz nicht mitgezählt. Stattdessen konzentrierte sich der Enthüllungscoup von 2010 auf die beiden Reuters-Journalisten, deren Namen bekannt und deren Tod bereits Gegenstand einer Klage der Agentur auf Herausgabe der Aufzeichnungen gewesen war.

          Nur-Eldin und Chmar hatten ein Gesicht und eine Geschichte, der unbekannte Spaziergänger nicht. Für Walczak steckt darin die bittere Lektion des „Collateral Murder“-Videos: „Technischen Bildern eine Narrativität zuzuschreiben, die sie nicht besitzen können, und den darin Gefilmten erst eine Individualität geben zu wollen, die ihnen der Blick durch das Fadenkreuz zu nehmen im Begriff ist, blendet den erbarmungslosesten Teil des Aufgezeichneten aus.“ Aber ohne diese Zuschreibung von Individualität, möchte man darauf antworten, gibt es kein Mitleid. Der Widerspruch zwischen der totalen Vernichtungskraft der Apparatur und der eingeschränkten Empfindungsfähigkeit des Menschen, den schon die Chronisten des Ersten Weltkriegs beschrieben haben, ist nicht aufzulösen. Er wird die Geschichte der Kriege im digitalen Zeitalter weiter begleiten.

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