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Konferenz zur Macht der Bilder : Hope und Nope

„Bei seinem Amtseid“, sagte der Bildtheoretiker Mitchell, „wird er schwören, ein Buch zu schützen, das er nie gelesen hat.“ Bild: AFP

Der Bildtheoretiker W.J.T. Mitchell sprach in Genf über den „amerikanischen Albtraum“. Dabei versprühte er bei allen kulturpessimistischen Bedenken eine ansteckenden Lust, die den Schock fast überwindbar werden ließ.

          Zur Amtseinführung im Weißen Haus sprach der Bildtheoretiker W.J.T. Mitchell in Genf über Donald Trump und den „amerikanischen Albtraum“. Am Schluss seines Vortrags über die „amerikanische Psychose“ musste der Redner die Frage beantworten, ob er denn nicht selbst auch - im Sinne Nietzsches, den er eingangs und immer wieder zitiert hatte - dem Wahn verfallen sei: „Weil Trump ihre Ideologie zerstört hat?!“ Der aus Chicago nach Genf gekommene Mitchell ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Er sei Experte und Zuschauer, eine psychopathologische Störung könne er in seinem ganz persönlichen Fall beim besten Willen nicht erkennen. Als ganz normalen „Neurotiker“ wie du und ich bezeichnete er sich. Mit großer Wut und Angst allerdings habe er tatsächlich auf die Wahl von Donald Trump reagiert. Das war seinen Zuhörern nicht entgangen. Trumps Fans und Wählern hatte er indes ausdrücklich keine Geisteskrankheit unterstellt, sondern nur prophezeit, dass sich bei ihnen sehr bald Gefühle der Ernüchterung und Scham einstellen würden.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          William John Thomas Mitchell lehrt in Chicago Literatur und Kunstgeschichte und wurde mit seinen Büchern weltweit bekannt („Bildtheorie“ und „Das Klonen und der Terror“ sind bei Suhrkamp erschienen). Sein öffentlicher Vortrag in Genf im Rahmen eines dreitägigen Kolloquiums „Was machen die Bilder im öffentlichen Raum?“ war vor mehr als einem Jahr abgesprochen worden. Die Universität lanciert einen neuen Lehrgang „Visuelle Studien“, zu deren Pionieren Mitchell gehört.

          Der Termin hätte treffender nicht sein können

          „Ich weiß, dass Sie nicht wegen mir gekommen sind“, begrüßte der Amerikaner die paar hundert Besucher im Auditorium Jean Piaget, in dem viele gar nicht erst einen Platz gefunden hatten. Aus aktuellem Anlass hatte es eine Programmänderung gegeben. Mitchell sprach nicht über sein Fach. Sein neues Thema war die „Amerikanische Psychose: Trump und der Albtraum der Geschichte“. Der Termin hätte treffender nicht sein können, zwei Tage vor Trumps Einzug ins Weiße Haus. „Bei seinem Amtseid“, sagte Mitchell, „wird er schwören, ein Buch zu schützen, das er nie gelesen hat.“ Das trifft wohl auf die Bibel wie auf die Verfassung zu.

          Mitchells Instrumente der Kritik sind die Klassiker. Griechische Philosophen, Schiller und Karl Marx, Freud, Wilhelm Reich und auch noch Jean-Paul Sartres Essay über „Die Judenfrage“ bemühte er, um dem Phänomen Donald Trump auf die Spur zu kommen. Von Nietzsche bezog er den „kollektiven Wahn“, dem Gruppen, Epochen oder Länder zum Opfer fallen können. Er macht ihn im Brexit wie in der Wahl des mächtigsten Mannes der Welt aus. Der „Trumpismus“ sei eine Wende in der Geschichte. Einen Faschismus will Mitchell in ihm nicht ausmachen, aber der Hang dazu bestehe. Die Kritik und der Widerstand, fordert er, sollten sich nicht auf Trumps Tweets und die Empörung über sie beschränken: Mit seinen Reden müsse man sich beschäftigen. Trump verstehe es, auf seine Zuhörer einzugehen, jene anzuhören, auf die niemand gehört habe. Als geisteskrank bezeichnet Mitchell Menschen, die für sich oder andere eine Gefahr darstellen: Mit Trump sei es Amerika für seine eigene Gesellschaft und die Welt geworden.

          „Die Karikatur läuft ins Leere“

          Irrationale Elemente machte Mitchell schon bei der Wahl Obamas aus. Er zeigte ein Porträt des schwarzen Präsidenten, gemalt im Stile des stalinistischen Realismus, mit dem Titel „Hope“. Eine Vorlage war Trotzki. In der Kampagne wurde es zum Anti-Trump-Poster stilisiert: „Nope“. Mit seinem Beispiel illustrierte Mitchell, was im Wahlkampf nicht mehr funktioniert hat: „Die Karikatur läuft ins Leere. Das ist eine der Theorien, an denen ich arbeite. Als Berühmtheit der TV-Reality hat er sich als Karikatur seiner selbst durchgesetzt.“

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          Auch Mitchells Weltbild aus humanistischen Überzeugungen ist erschüttert. Doch seiner Wissenschaft eröffnet Trumps Triumph neue Perspektiven. Der 1942 geborene Gelehrte zelebrierte seine Kritik an der „amerikanischen Psychose“ und ihrem genialen, hemmungslosen Troll als rhetorisches Feuerwerk. Nicht alle Funken kamen aus großer geistiger Tiefe. Doch Mitchell versprühte sie bei allen kulturpessimistischen Bedenken mit einer ansteckenden Lust, die den Albtraum fast vergessen ließ. Selbst noch die allerletzten Fragen aus dem Publikum wie die nach dem Zusammenhang zwischen CNN und den Medien im Allgemeinen, Putin und den mutmaßlichen Moskauer Sextapes im Zeitalter der Fake News, auf die selbst ein intellektueller Spekulant keine Antwort geben könnte, ließen ihn nie sprachlos. Über das umstrittene Protokoll eines Geheimagenten frotzelte der Professor, dass es eben auch bei den sexuellen Ausschweifungen für „Trump immer Gold sein muss“.

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