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Kirchenlied : „Erhalt uns, Herr, die Obrigkeit“ singt keiner mehr

  • -Aktualisiert am

Verlust der Stimmkraft: Im Vatikan wird lateinisch gesungen, in Deutschland leise Bild: Reuters

Sie sind Messgeräte unserer metaphysischen Lage: Auch Kirchenlied und Gesangbuch unterliegen dem historischen Wandel. Ein Vermessungs- und Erkundungsgang durch eine Kulturlandschaft.

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          Gesangbücher hatten und haben Millionenauflagen und sind insofern schon soziologisch ein studierenswertes Phänomen. Aber auch kulturell sind sie nach wie vor eine beachtenswerte Größe; neben allerlei Geklingel überliefern sie herrliche Kunstwerke voll Tiefe und Innerlichkeit. Die textlich und musikalisch ganz großen Stücke - Lieder wie „Es ist ein Ros entsprungen“, „O Haupt voll Blut und Wunden“, „O du hochheilig Kreuze“, „Morgenglanz der Ewigkeit“ oder „Von guten Mächten treu und still umgeben“ – haben nach wie vor ein ungeheures Potential. Sie vermögen Menschen zu beseligen, zu erschüttern und zu verwandeln.

          Sie können aber auch schrecklich scheitern, wenn die Kontexte nicht stimmen. Sie werden hauptsächlich von den großen Kirchen verwaltet, die in den vergangenen Jahrzehnten vom Zeitgeist gebeutelt hin- und herschwankten zwischen Erneuerung und Traditionserhalt. Auf dem Terrain Kirchenlied wurde dieser Kampf mit besonderer Erbitterung ausgetragen. Die alten Lieder hatten einen schweren Stand. Die bedeutendsten von ihnen wurden in den gegenwärtig gültigen Gesangbüchern zwar weitgehend bewahrt und nur zu einem kleinen Teil ausgesondert oder stark verändert, aber ihre Gebrauchsfrequenz sank, und ihre Spiritualität wurde nur noch selten erschlossen.

          Wo Religion war, ist Wüste

          Aber nichts Schönes vergeht, solange es noch Liebhaber dafür gibt. Die Kirchen haben ja kein Monopol aufs Kirchenlied. Wo sie dahinsiechen, leben die Sammler. Das Untergegangene erscheint ihnen im Traum. Das ist nicht immer schön. Die Wehmut kann so groß sein, dass sie würgt. Der verlorene Glaube zieht einen Kometenschweif von Nostalgie hinter sich her, der zwar lieblich funkelt, aber auch ein fressendes Feuer ist für die vielen, die ihre Jugend noch in stabilen Glaubenswelten verbracht haben und sich einerseits zurücksehnen, andererseits aber zurückschaudern, wenn sie verbrannte Erde vorfinden dort, wo einmal Wärme, Licht und Leben waren. Ungerufen kommt ein Lied von einst herauf, ein sehnsuchtgetränktes Bruchstück wie „Jesu mein, komm herein, leucht in meines Herzens Schrein“ (aus „Morgenstern der finstern Nacht“), man würde gern singen, aber nur noch ein Krächzen kommt aus dem Hals, das sich, wenn man Glück hat, in Weinen auflöst. Wo einmal die große Religion war, ist vielerorts eine Wüste, von Abfällen übersät, sprachlich unbetretbar.

          Nebengötter im Frontispiz: König Friedrich II. von Preußen und seine Gemahlin
          Nebengötter im Frontispiz: König Friedrich II. von Preußen und seine Gemahlin : Bild: Christiane Schäfer / www.gesangbucharchiv.de

          Zu den Vorwänden, unter denen man sie betreten kann, gehört der archäologische. Man kommt als Ausgräber. Das ist neutral. Man hat Gott verabschiedet, aber sammelt gottvolle Gegenstände. Viele Intellektuelle leiden an der Gottlosigkeit, die ihr Verstand ihnen anbefiehlt, und suchen nach Schlupflöchern, die „der hohe Klerus des Atheismus“ (Heinrich Heine) noch nicht verschlossen hat. Anstatt von Altlasten befreit fortschrittsbeschwingt vorwärts zu eilen, gehen sie mit dem Rücken voran in die neue Zeit und heben Fundstücke auf. Die Zukunft finden sie fade, sind aber fasziniert von den Farbenspielen der Vergangenheit. „Die Sonne“, sagen sie mit Nietzsche, „ist schon hinuntergegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und leuchtet noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen.“

          Die Grenzen aufgeklärten Singens

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