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: Kinder in den Bäumen

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Kulturelle Konzepte der Kindheit waren in Asien und Europa einem historischen Wandel unterworfen. Während der Westen die Kindheit erst "entdecken" mußte, war die Idee der Kindheit in asiatischen Gesellschaften ...

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          Kulturelle Konzepte der Kindheit waren in Asien und Europa einem historischen Wandel unterworfen. Während der Westen die Kindheit erst "entdecken" mußte, war die Idee der Kindheit in asiatischen Gesellschaften strukturell verankert (Hiroyuki Numata: "What Children have Lost by the Modernization of Education: A Comparison of Experiences in Western Europe and Eastern Asia", in: Internationale Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, Band 49, Unesco-Institut für Pädagogik, Hamburg 2003). "Bis zum Alter von sieben Jahren gehört ein Kind den Göttern", lautet ein japanisches Sprichwort. In den religiösen Traditionen Asiens werden Kinder und Alte als heilig betrachtet, weil sie im einen Fall gerade von der heiligen Welt gekommen sind, im anderen in diese übergehen.

          Modernen Kategorien wie Kindheit, Adoleszenz und Erwachsenenwelt steht in Japan das emotionale Geborgenheits- und Abhängigkeitsprinzip "Amae" gegenüber, das Nippons Netzwerkgesellschaft durchdringt. Für die Japaner spielt vor allem der Weg des Erwachsenwerdens eine Rolle, ein Prozeß, der "genossen" und traditionell in die Länge gezogen wird. So findet die shintoistische "Taufe" oder Aufnahmezeremonie in die Gemeinde erst dreißig Tage nach der Geburt statt, und das offizielle Erwachsenenalter liegt bei zwanzig Jahren.

          Auf kunsthistorischer Ebene vergleicht der Autor die Kinderdarstellungen Pieter Bruegels mit denen asiatischer Meister. So spielen etwa im Werk "Hundert fröhlich spielende Kinder" stilisierte Kinder mit Blumen und Bäumen. Spielen und Lernen, Menschen und Pflanzen stehen in organischer Harmonieverbindung zueinander, die Bilder suggerieren fließende Übergänge und ein Kontinuum der Kindheit im Erwachsenenstatus. Hingegen wirken die realistischen, individualistischen Kinder in Bruegels "Kinderspiele" (1560), die nie mit Blumen spielen und bestenfalls auf Bäume klettern, wie Zerrbilder Erwachsener. Die vorbürgerliche europäische Familie, die keine Privatsphäre kannte, differenzierte denn auch wenig zwischen Arbeit und Spiel, Kinder- und Erwachsenenwelt. Numata beschreibt die Kindheit als eine künstliche Kategorie aus der westlichen Welt des Diskurses, die ihre Hochblüte im achtzehnten Jahrhundert erlebte, als sich die rationalen Dichotomien der europäischen Aufklärung wie Gefühl und Vernunft, Kinder- und Erwachsenenwelt mit romantischen Idealen überlagerten.

          Beim Kalligraphieunterricht oder "Sodo-ku" (Rezitieren chinesischer Klassiker, ohne den Inhalt zu verstehen) lag die Initiative auf seiten der Schüler, die in der Imitation zu Initiationserfahrungen gelangten. Die Betonung der Form, das Erlernen alltäglicher Notwendigkeiten, Verbeugungen und Wendungen beim Briefschreiben bis hin zum formal korrekten Scheidungsbrief kam so dem Prinzip der "Lebensschule" nahe.

          Ende des neunzehnten Jahrhunderts hatte sich ein zweigleisiges Schulsystem nach europäischem Vorbild etabliert. Während Individualismus und Demokratie in Europa innerhalb des eigenen Kulturkontextes gediehen, wurde in Japan unter dem Modernisierungsdruck ein egalitäres und zensurorientiertes, doch der Spontaneität abträgliches Schulsystem eingeführt. Nach einem romantischen Interludium im Westen und einem verlorengegangenen vormodernen Zustand der Unschuld im Osten, so das Fazit der komparativen Kindheitsstudie, haben sich heute beide Kulturen von kindgerechten Gesellschaften entfernt. Steffen Gnam

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