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Kierkegaards Aktualität : Er war kein Mann fürs Wort zum Sonntag

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Die ganze Welt dreht sich um ihn: Sören Kierkegaard in einer Karikatur von 1846. Bild: INTERFOTO

Eine Tagung in Erfurt diskutierte anlässlich des zweihundertsten Geburtstags von Søren Kierkegaard über dessen zwiespältiges Selbstverständnis als religiöser Schriftsteller und die Rezeption seines Werks.

          Wer heute eine Buchhandlung mit religiöser Literatur betritt, wird eher selten auf Søren Kierkegaards Schriften stoßen, am wenigsten vermutlich unter der Rubrik „Erbauliche Literatur“. Das mag daran liegen, dass der dänische Philosoph einen sehr anspruchsvollen Begriff der Erbaulichkeit hatte und beispielsweise im Vorwort seiner Schrift über die „Krankheit zum Tode“ (1849) ausgerechnet die Besorgnis als das Erbauliche und wahrhaft Christliche verstand. Das Unbequeme solcher Bestimmungen lässt aber auch ahnen, warum Kierkegaard bis heute - und vor allem in Krisenzeiten - eine solche Faszination ausübt. Denn selbst wenn er in den Buchhandlungen wie in den akademischen Disziplinen unterrepräsentiert ist, so ist er doch im Jubiläumsjahr seines zweihundertsten Geburtstages - ja, auch er 1813, am 5. Mai nämlich - ebenso allgegenwärtig, wie er sich zugleich der leichten Identifikation, was es mit ihm auf sich hat, entzieht.

          Unter dem Titel „Sokratische Ortlosigkeit. Kierkegaards Idee des religiösen Schriftstellers“ widmete sich eine von Hermann Deuser und Markus Kleinert organisierte Tagung jetzt in Erfurt diesem Phänomen. Zu der Veranstaltung hatte das Max-Weber-Kolleg der Universität - im Rahmen der Forschergruppe „Religiöse Individualisierung in historischer Perspektive“ - in Kooperation mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach eingeladen. Der Schwerpunkt lag somit einerseits auf der literarischen und literaturwissenschaftlichen Rezeption Kierkegaards, andererseits auf den Ausdrucksmöglichkeiten von Religiosität unter den Bedingungen einer säkularisierten Moderne.

          Den Leser in die Wahrheit hinein betrügen

          Kierkegaard verstand sich selbst als religiösen Schriftsteller. Doch ist dies weniger eine Standpunktbestimmung als vielmehr Ausdruck seines Problems, sich in den damals gängigen intellektuellen Gattungen nicht verorten zu können: In seinem ironischen Schweben zwischen Ästhetischem und Religiösem konnte er sich weder auf eine kirchlich-religiöse Vollmacht noch auf die etablierte Wissenschaft, weder auf die Universitätsphilosophie noch auf die Theologie berufen.

          Zum Vorbild wurde ihm dabei Sokrates, nicht zuletzt für sein eigenes mäeutisches Verfahren der Aneignung der Wahrheit. Abgesehen von zwei kenntnisreichen Vorträgen, die einen Brückenschlag zum antiken Denken versuchten, galt das Interesse der Tagung jedoch vor allem der Wirkung und der Aktualität Kierkegaards. Leitend war die Frage, worin die unverminderte Attraktivität seiner Schriften, die als Gründungsdokumente des philosophischen Existentialismus gelten, auch jenseits der spezialisierten Forschung in den einzelnen akademischen Disziplinen gründet.

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