: Keine Frage des Fressens
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Die Anthropologische Gesellschaft in Paris veröffentliche 1868 die Ergebnisse ihrer Untersuchungen: Das Hirn des Gorillas habe mit durchschnittlich 550 Gramm sechzig Prozent des Gewichts des kleinsten menschlichen Gehirns, wie es bei Buschmännern und australischen Eingeborenen vorkomme. Es erreiche jedoch nur vierzig Prozent des Gehirnvolumens eines Mitteleuropäers. Gegenüber Cuvier und Byron, deren Gehirne jeweils mehr als 1800 Gramm gewogen hätten, schneide der Gorilla - mit nur dreißig Prozent - noch schlechter ab. Außerdem wurde vermutet, dass das Gewicht des Hirns im Alter abnehme, deshalb seien junge männliche Gorillas zahm und intelligent, während sie später wild und bösartig würden.
Ein Jahr später kam die entscheidende Nachricht, die die Vergewaltigung von Frauen durch den Primaten ad absurdum führte. In einem Vortrag legte Paul Broca dar, dass nicht nur die zeitlich begrenzte Libido des Gorillas hinderlich sei, sondern insbesondere die Form seines Penis, die vom männlichen Geschlechtsteil stark abweiche. Trotzdem hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass Affen auf Frauen Jagd machten, vor allem Negerinnen anfielen, die sich zu weit allein in den Dschungel trauten. Doch nicht jede dieser Begegnungen ende tödlich. Oftmals kehrten die Entführten, wenn auch manchmal nach Jahren, wohlbehalten zu ihrem Stamm zurück, wie Eingeborene sich zu erinnern glaubten.
Als Fremiet in den achtziger Jahren seine zweite Gruppe modellierte, hatte sich jedoch allgemein die Erkenntnis durchgesetzt, dass Gorillas den Menschen mieden und Pflanzen fraßen. Die drastische Skulptur, die Fremiet diesmal entwarf, lebt von dem Kontrast des herkulischen, stark behaarten Körpers der Bestie und des nackten, ungeschützten Leibes einer weißen Frau. Sie ist nicht ohnmächtig, sondern wehrt sich vergeblich. Um die Gruppe salonfähig zu machen, gab Fremiet dem Affen einen großen Stein in die Linke, während ein Pfeil aus seiner Schulter ragt - ein Anachronismus, denn Gorillas wurden Ende des neunzehnten Jahrhunderts mit Gewehren gejagt. Dadurch hält Fremiet jedoch den Ausgang des Kampfes mit einem imaginären Verfolger in der Schwebe und steigert die Spannung.
Unliebsames Erkennen
Das Untier scheint einer fernen Zeit entsprungen. Die Plastik ist damit zur traditionellen Raubgruppe geworden. Warum sollte ein Gorilla nicht eine Frau entführen, wenn auf den Gemälden der amerikanischen Südstaaten Indianer Jagd auf weiße Mädchen machten? Fremiets "Gorilla" mit dem naturwissenschaftlichen Beinamen "Troglodytes gorilla (Sav.) aus Gabun" erhielt vom Salon 1887 eine Ehrenmedaille und errang schließlich noch eine Goldmedaille erster Klasse. Doch auch diesmal blieb der Skandal nicht aus, wenn auch aus anderen Gründen: Ein Bankier, der die Ausstellung besuchte, glaubte in der Nackten seine Ehefrau wiederzuerkennen. Diese Anekdote wurde auch auf der Dritten Internationalen Kunstausstellung im Königlichen Glaspalast in München erzählt, wo die Gruppe am Eingang zusammen mit einer Statue des General Moltke zu Pferde präsentiert wurde.
Das Pariser Kulturministerium lehnte es jedoch ab, den "Gorilla" in die Sammlung nationaler Kunstwerke aufzunehmen: Die Plastik entspreche nicht dem Erkenntnisstand der Naturwissenschaften. Nur durch die Intervention des Malers Gerome und nach endlosem Palaver wurde sie unter der Bedingung angekauft, dass niemals Abgüsse gefertigt würden. Nach einer Odyssee endete der "Gorilla" 1895 im Museum der Schönen Künste in Nantes. Doch das Exil in der Provinz hatte auch einen Vorteil: 1898 wurde ein Guss gefertigt. Der Bronze-Gorilla fand seinen Platz im Robert Allerton Park in Urbana-Campaign, im Staat Illinois. Sein Nachfahre heißt King Kong. BETTINA ERCHE