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: Katzen sehen klüger aus, als sie sind

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Noch zu Lessings Zeiten war es klar, wen man vor sich hatte, stand man einem Tier gegenüber: "Man hört: der Wolf und das Lamm; sogleich weiß jeder, was er höret, und weiß, wie sich das eine zu dem anderen ...

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          Noch zu Lessings Zeiten war es klar, wen man vor sich hatte, stand man einem Tier gegenüber: "Man hört: der Wolf und das Lamm; sogleich weiß jeder, was er höret, und weiß, wie sich das eine zu dem anderen verhält." Diese "allgemein bekannte Bestandheit der Charaktere" prädestinierte die Tiere in Lessings Augen zum idealen Personal moralischer Fabeln. Sie ließen sich daher auch leicht von der physiognomischen Charakterlehre adaptieren, der sie gleichsam als Alphabet dienten. "Der Löwe, der Adler, der Hund", erklärt der Literaturwissenschaftler Dietmar Schmidt, "tragen sichtbar zur Schau, was sich am menschlichen Individuum womöglich erst auf den zweiten Blick offenbart." Solche "Viehsionomik" - der Begriff stammt aus Georg Büchners Woyzeck-Fragmenten - begann sich jedoch im neunzehnten Jahrhundert aufzulösen (Dietmar Schmidt, ",Viehsionomik'. Repräsentationsformen des Animalischen im neunzehnten Jahrhundert", in: Historische Anthropologie. Kultur - Gesellschaft - Alltag, 11.Jg., Heft 1, Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2003).

          Im Zuge von Industrialisierung und Urbanisierung verschwanden Tiere aus dem Gesichtsfeld der Menschen. Nichts symbolisiert die Entfremdung des Menschen vom Tier besser als der Siegeszug des Dosenfleisches, von Corned beef und Liebigs Fleischextrakt. Zudem brachten neue Wissensformen die alten Gewißheiten ins Wanken: Die Physiologie produzierte zwar immer mehr Wissen über den tierischen Organismus, um die "Bedeutung" der Tiere kümmerte sie sich jedoch nicht. Hatte Lavater noch in 24 Phasen eine Froschphysiognomie in eine Profilansicht Apolls gezeichnet, um Abstand wie Verbundenheit beider zu demonstrieren, so machte Grandville Apoll in satirischer Absicht in sechs Schritten zum Frosch.

          Als sichere Grundlage des Wissens taugten die Tiergestalten im neunzehnten Jahrhundert also nicht mehr, als Merkzeichen aber blieben sie im Umlauf. Vagabundierende Darstellungen des Animalischen entfalteten eine enorme Wirkung. Den dänischen Major und Historienmaler Sophus Schack (1811-1864) etwa inspirierten sie zu seinen "Physiognomischen Studien" (deutsch 1881), in denen er ein breites Spektrum tiermenschlicher Parallelphysiognomien entwarf. Für Schack war der Mensch die "edelste Art der Schöpfung". Wo ein menschliches Individuum aber mit Mängeln behaftet ist, wird in seinem Äußeren das eine oder andere Tier erkennbar: "Bei einem Besuche, den ich 1846 der Irrenanstalt in Leubus, einige Meilen von Berlin, abstattete", schreibt Schack, "wurde ich darin auf ein Individuum aufmerksam, dessen Physiognomie ein so eigenartiges Gepräge besaß, daß ich im Zweifel war, wo ich dieselbe hinrechnen sollte." Das "wunderlich abstoßende Rattenartige" seines Gesichts erschloß sich Schack, als er erfuhr, daß dieser Mann seine Zelle nachts für heimliche Exkursionen verließ, "die ausschließlich der Durchsuchung von Küche und Speisekammer galten".

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