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Karl der Große : Der Mann, der Europa aufräumte

Goldkaiser: Die Kaiserbüste aus der Domschatzkammer in Aachen Bild: dpa

Es ist „Karlsjahr“: Überall erinnern Ausstellungen an den Frankenkaiser. Aber haben wir nichts Besseres zu tun? Was verbindet uns mit einem Mann, der vor zwölfhundert Jahren starb?

          7 Min.

          Jetzt feiern sie wieder. Ein „Karlsjahr“ ist ausgerufen, nach dem Schillerjahr, dem Kleistjahr, dem Friedrich-der-Große-Jahr, und der Kulturbetrieb eilt zu den Fahnen. Die Beiräte haben getagt, die Kuratoren gesammelt, die Minister ihre Einladungen erhalten, und jetzt regnet es Karls-Ausstellungen: in Aachen, der alten Kaiserstadt, in der auch der unvermeidliche Karlspreis verliehen wird - in diesem Jahr bekommt ihn Ex-EU-Ratspräsident Van Rompuy -, geht es vom Rathaus („Orte der Macht“) über das neue „Centre Charlemagne“ („Karls Kunst“) bis zur Domschatzkammer („Verlorene Schätze“); dazu gibt es noch mal drei Museums-Events im rheinischen Pfalzstädtchen Ingelheim, unter den Stichworten „Prachtort“, „Pfalzansichten“ und „Personenkult“ und natürlich mit „Originalfunden aus der Karolingerzeit“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das Deutsche Historische Museum in Berlin, dessen Karls-Ausstellungsprojekt irgendwann im Planungsstadium erstickt ist, präsentiert Ende Februar einen von den Kuratoren ersatzweise zusammengepuzzelten Essayband namens „Kaiser und Kalifen. Karl der Große und die Mächte am Mittelmeer um 800“, und in Zürich geht am kommenden Sonntag die Themenschau „Karl der Große und die Schweiz“ zu Ende.

          Dafür wird in Graubünden weitergefeiert, wo im Kloster Müstair ein dem heiligen Karl gewidmetes Chorwerk aufgeführt und in einer Freilichtinszenierung am Ufer des Silvaplanersees seiner wagemutigen Überquerung des Umbrailpasses im Winter 774 gedacht werden soll. Eine Sonderausstellung über die Geburt des Schweizer Käses aus dem Geist der karolingischen Reformpolitik wurde in letzter Minute abgesagt.

          Die Karolinger, eine Sippe von Schlächtern und Ehebrechern

          Was soll das alles? Brauchen wir das? Müssen wir uns an Karl den Großen erinnern, nur weil er am 28. Januar vor zwölfhundert Jahren im damals biblischen Alter von sechsundsechzig starb? Haben wir nichts Besseres zu tun, als bei „Europa“ immer noch an die Karolinger zu denken, diese Sippe von Schlächtern und Ehebrechern, die sich aus der Hefe des nachrömischen Landadels zu Herrschern des Frankenreichs aufschwang, die alten Merowingerkönige ins Kloster schickte und irgendwann nach 900, von Auszehrung und Familienhader gebeutelt, ruhmlos erlosch? Was haben wir mit Karl am Hut, wenn uns schon Bismarck und der Alte Fritz mittlerweile wie versteinerte Großechsen eines vordigitalen, unmotorisierten, präkambrischen Erdzeitalters erscheinen?

          Fangen wir mit dem Einfachsten an. Wir, hier im Westen, leben seit Jahrhunderten (und nicht erst seit Anbruch der Moderne) in Groß- und Kleinstädten, die von Stadträten (und nicht von Agas, Muftis, Mandarinen, Emiren, Metropoliten) regiert werden und durch Handelswege verbunden sind; Kirche und Rathaus liegen darin weit auseinander. So wie auf dem ganzen Kontinent: hier die christliche Hauptstadt Rom, dort die Metropolen der Staaten. Hier Kaiser (Kanzler, Premier, Präsident), da Papst.

          Unser Wissen wird in Bibliotheken und Archiven aufbewahrt, deren älteste auf die Klöster des Mittelalters zurückgehen; unsere Bildung, wenn auch im Verblassen, reicht bis in die griechisch-römische Antike zurück. Unsere Vorstellungen von Politik, Gesellschaft, res publica stammen aus dem römischen Staatsrecht, das von fleißigen Mönchshänden abgeschrieben und vor dem Verschwinden bewahrt wurde.

          Nacht herrscht im Abendland

          Und nun schauen wir in die Mitte des achten Jahrhunderts nach Christus. Das Imperium der Römer ist verschwunden, an seiner Stelle breiten sich im Westen das fränkische und im Osten das verkleinerte byzantinische Reich aus. Dazwischen eine Menge Wildwuchs: Baiern (sic!), Thüringer, Langobarden, Awaren, Bulgaren. Der Norden, Skandinavien und Russland, ist heidnisch, der ganze Süden, von den Pyrenäen bis zum Indischen Ozean, mohammedanisch. In der Zone dazwischen, die noch nicht „Europa“ heißt, ist das antike Wissen teils erstarrt (Byzanz), teils vergessen.

          Nördlich der Alpen sind die Städte verschwunden oder auf die Größe von Kastellen geschrumpft. Könige können nicht lesen. Priester verstehen das Vaterunser nicht, das sie beten. Irische Mönche gründen Einsiedeleien in römischen Ruinen. Die Schriftkultur erlischt fast völlig, es gibt so wenige Dokumente, dass spätere Amateurhistoriker, an Papierquellen gewöhnt, die ganze Epoche für gefälscht und erfunden halten. Nacht herrscht im Abendland.

          In diese Welt wird Karl, ältester Sohn des fränkischen Hausmeiers Pippin, im April 747 oder 748 hineingeboren. Pippin ist Alleinherrscher in Frankien, aber ihm fehlt die Königswürde. Und nun erlebt der siebenjährige Karl etwas, das zuvor undenkbar schien: Der Papst persönlich, Stephan II., kommt zu Pippin und salbt ihn und seine Söhne zu Königen. Stephan braucht Hilfe gegen die Langobarden, die Rom bedrohen. Er ernennt Pippin zum Schutzherrn der Römer. Und Pippin zieht nach Italien und treibt die Langobarden zurück. Die fränkisch-römische Connection ist etabliert. Das Abendland aber hat einen neuen Anführer: Karl.

          Der erste Kindkönig des Westens

          Denn das historisch Entscheidende und Folgenreiche an der Papstreise nach Reims im Jahr 754 ist nicht, dass sie Pippins Machtstellung legitimiert. Sondern dass sie Karl, seinen Erben, zum Auserwählten macht. Er ist der erste Kindkönig des Westens, der vom Stellvertreter Christi gesalbt wird. Viele werden ihm folgen; aber er erkennt als Erster, was die Geste des Papstes bedeutet: ein neues Reich.

          In Konstantinopel liegt zur selben Zeit der ikonoklastische Kaiser Konstantin V., den die siegreichen Bilderfreunde später in ihren Chroniken als „Kopronymos“, „Drecksname“, schmähen werden, im Clinch mit seinem Klerus. Ein Putschversuch scheitert. Konstantins Ikonoklasmus verschärft sich. Als er stirbt, hinterlässt er einen kränkelnden Sohn. Dessen Frau Irene ist Bilderverehrerin. Nach dem Tod ihres Gatten übernimmt sie die Macht. Jetzt schlägt das Pendel zurück, der Götzendienst an den Ikonen wird Staatsprogramm.

          Karl der Große auf einem Kupferstich nach einem Gemälde von Albrecht Dürer
          Karl der Große auf einem Kupferstich nach einem Gemälde von Albrecht Dürer : Bild: dpa

          796 lässt Irene ihren Sohn und Mitherrscher Konstantin blenden und regiert allein. Nicht nur der Papst, dem der übersteigerte Bilderkult suspekt ist, blickt jetzt misstrauisch nach Byzanz. Eine Frau an der Spitze des Reiches ist in römischer Tradition undenkbar. Die Ordnung der Christenheit wankt. Das Imperium braucht einen neuen Beschützer.

          Jetzt fehlt nur noch die Kaiserkrönung - und die kommt auch

          Es ist die Konstellation, in der Karl die Herrschaft im Frankenreich antritt und ausbaut. Zunächst folgt er der klassischen Hausmachtstrategie seiner Vorgänger: Kriegszüge gegen Mauren (wo er sich vor Saragossa eine blutige Nase holt), Sachsen und Slawen. Aber dann regelt er die italienischen Angelegenheiten - endgültig. 774 wird der letzte Langobardenkönig Desiderius ins Kloster geschickt, Papst Hadrian bestätigt die Übertragung von dessen Krone an die Franken. Jetzt fehlt nur noch die dritte und letzte Stufe der Reichsgründung, die Kaiserkrönung in Rom am Weihnachtstag des Jahres 800.

          Das alles kann man, sauber nach Themenkreisen sortiert, bei Johannes Fried nachlesen, in einer bei C. H. Beck verlegten Monographie, die sich auf gut 600 Textseiten erfolgreich bemüht, nicht allzu professoral zu wirken (auch wenn ein Satz wie der über die „erfrischende Sinnlichkeit“ Karls dann doch genau so altbacken klingt, wie er nicht klingen soll). Vor allem aber kann man bei Fried lesen, wie Karl auf seinen zunächst langsamen, dann aber, nach dem frühen Tod seines Bruders Karlmann, rasanten und unaufhaltsamen Machtzuwachs reagierte. Nämlich wie ein allmächtiger, alles verstehender, allseitig interessierter Bürokrat.

          Denn Karl will aufräumen in der Welt, die ihm gehorcht. Kaum hat er seinen Hofstaat in Aachen etabliert, fängt er an, alles zu vereinheitlichen, die Sprache, die Bildung, den Kalender, die Verwaltung seiner Hausgüter, die Steuern, die Militärdienste. Aus England, Italien, Nordspanien lässt er Gelehrte nach Aachen kommen, fördert ihren Wettstreit, belohnt sie mit Pfründen. In den Schriften seines Lehrers Alkuin tritt er selbst als Schüler auf, stellt unbedarfte Fragen, lässt sich sophistisch aufs Glatteis führen, staunt über die Möglichkeiten der Dialektik.

          Kaiser ohne Hauptstadt, Politik mit Variablen

          Zugleich wird er, wenn es ans Eingemachte geht wie bei Kriegsführung und Glaubensbekenntnis, zum Tyrannen, erteilt Befehle, verteilt Strafen. Wer die Messe verfälscht oder heidnischen Praktiken frönt, verliert seinen Kopf, wer die Heerfolge verweigert wie der bayerische Herzog Tassilo, wird auch nach zwanzig Jahren noch abgesetzt. Die Christenheit soll geordnet den Jüngsten Tag erwarten, der nach Auskunft der Astrologen entweder im Jahr 801 oder auch erst in tausend Jahren kommt. Genaues weiß man nicht,

          Politik ist ein Geschäft mit Variablen, doch der kluge Hausvater sorgt vor. Und genauso vorsorgend hat Karl seine Kaiserkrönung geplant. Er hätte versuchen können, seinen Hofstaat in die verfallene Residenz des Augustus auf dem Palatin zu verlegen, in der noch ein paar Jahrzehnte zuvor der byzantinische Statthalter amtiert hatte; aber sein Instinkt sagte ihm, dass der Papst und er nicht in der gleichen Stadt regieren konnten, und diese Einsicht war die Geburtsstunde des Okzidents.

          Aus der Spannung zwischen dem Kaiser ohne Hauptstadt und dem Kirchenfürsten ohne Reich erwuchs die Städtekultur des Mittelalters, so wie aus der karolingischen Bildungsreform nach unzähligen Rückschlägen und Irrwegen der Geist der Scholastik und des Humanismus erblühte, und beides zusammen brachte die europäische Neuzeit in Gang, die weltumspannende Epoche des Fortschritts, in der wir immer noch leben.

          Er etablierte den Sport als Insignium der Herrschaft

          Aber Karl der Franke war nicht nur ein großer Aufräumer, sondern auch ein begnadeter Selbstdarsteller, der seine Körperkräfte, neben den üblichen königlichen Sports des Jagens und Schlachtenschlagens, vor allem im Wasser inszenierte. Er schwamm in Bächen und Flüssen, und er nahm seinen halben Hofstaat mit zum Baden in die warmen Quellen Aachens; bisweilen, berichtet sein erster Biograph Einhard, planschten mehr als hundert Leute mit ihm.

          Dieser Schwimmerkult ist ein ganz eigenes Kapitel der europäischen Herrschergeschichte, und deshalb hat vielleicht doch nicht der wackere Johannes Fried den interessantesten Beitrag zum Karlsjahr geschrieben, sondern der gerade wegen seiner Publikationen zu einem gefälschten Galileo-Buch vielgescholtene Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp. Bredekamp nämlich erkennt in seiner bei Wagenbach erschienenen Studie über „Karl den Großen und die Bildpolitik des Körpers“ in den Badefreuden des Monarchen ein sehr modernes Rollenverhalten wieder, dessen jüngere Beispiele die Dauerschwimmer Mao Tse-tung und Wladimir Putin bieten: der Regent als Ikone der Naturbeherrschung und Lenker der geschichtlichen Ströme.

          Dieselbe „fluide Stabilität“, die Mischung aus Jovialität und Härte, die Karls Regierungsstil prägte und mit der er Gesandte aus Bagdad und Konstantinopel zur Verzweiflung brachte, zeigt sich, so Bredekamp, auch in der Kunstproduktion seiner Zeit: die spiegelnden Bronzetüren der Pfalzkapelle, die fließenden Gesten der Buchmalereien, eine Reiterstatue des Theoderich als Brunnenfigur, eine römische Bärin als Vorbild für die Löwenköpfe am Dom. Mag sein, dass die Bildwissenschaft à la Bredekamp gelegentlich ans Spekulative grenzt, für Historiker ist sie eine Fundgrube: weil sie Wissen und Anschauung nicht trennt, sondern verbindet.

          Karl, „der Große“? Ja, wenn es groß ist, dass einer die Chance nutzt, die ihm die Geschichte bietet, aus Kalkül wie aus Instinkt, aus Lust an der Macht wie am Erfolg, dann war er groß. Das heißt nicht: gut. Aber wer fragt schon nach Kollateralschäden, wenn es um Europa geht. Damals wie heute.

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