https://www.faz.net/-gqz-7loxi

Karl der Große : Der Mann, der Europa aufräumte

Nördlich der Alpen sind die Städte verschwunden oder auf die Größe von Kastellen geschrumpft. Könige können nicht lesen. Priester verstehen das Vaterunser nicht, das sie beten. Irische Mönche gründen Einsiedeleien in römischen Ruinen. Die Schriftkultur erlischt fast völlig, es gibt so wenige Dokumente, dass spätere Amateurhistoriker, an Papierquellen gewöhnt, die ganze Epoche für gefälscht und erfunden halten. Nacht herrscht im Abendland.

In diese Welt wird Karl, ältester Sohn des fränkischen Hausmeiers Pippin, im April 747 oder 748 hineingeboren. Pippin ist Alleinherrscher in Frankien, aber ihm fehlt die Königswürde. Und nun erlebt der siebenjährige Karl etwas, das zuvor undenkbar schien: Der Papst persönlich, Stephan II., kommt zu Pippin und salbt ihn und seine Söhne zu Königen. Stephan braucht Hilfe gegen die Langobarden, die Rom bedrohen. Er ernennt Pippin zum Schutzherrn der Römer. Und Pippin zieht nach Italien und treibt die Langobarden zurück. Die fränkisch-römische Connection ist etabliert. Das Abendland aber hat einen neuen Anführer: Karl.

Der erste Kindkönig des Westens

Denn das historisch Entscheidende und Folgenreiche an der Papstreise nach Reims im Jahr 754 ist nicht, dass sie Pippins Machtstellung legitimiert. Sondern dass sie Karl, seinen Erben, zum Auserwählten macht. Er ist der erste Kindkönig des Westens, der vom Stellvertreter Christi gesalbt wird. Viele werden ihm folgen; aber er erkennt als Erster, was die Geste des Papstes bedeutet: ein neues Reich.

In Konstantinopel liegt zur selben Zeit der ikonoklastische Kaiser Konstantin V., den die siegreichen Bilderfreunde später in ihren Chroniken als „Kopronymos“, „Drecksname“, schmähen werden, im Clinch mit seinem Klerus. Ein Putschversuch scheitert. Konstantins Ikonoklasmus verschärft sich. Als er stirbt, hinterlässt er einen kränkelnden Sohn. Dessen Frau Irene ist Bilderverehrerin. Nach dem Tod ihres Gatten übernimmt sie die Macht. Jetzt schlägt das Pendel zurück, der Götzendienst an den Ikonen wird Staatsprogramm.

Karl der Große auf einem Kupferstich nach einem Gemälde von Albrecht Dürer
Karl der Große auf einem Kupferstich nach einem Gemälde von Albrecht Dürer : Bild: dpa

796 lässt Irene ihren Sohn und Mitherrscher Konstantin blenden und regiert allein. Nicht nur der Papst, dem der übersteigerte Bilderkult suspekt ist, blickt jetzt misstrauisch nach Byzanz. Eine Frau an der Spitze des Reiches ist in römischer Tradition undenkbar. Die Ordnung der Christenheit wankt. Das Imperium braucht einen neuen Beschützer.

Jetzt fehlt nur noch die Kaiserkrönung - und die kommt auch

Es ist die Konstellation, in der Karl die Herrschaft im Frankenreich antritt und ausbaut. Zunächst folgt er der klassischen Hausmachtstrategie seiner Vorgänger: Kriegszüge gegen Mauren (wo er sich vor Saragossa eine blutige Nase holt), Sachsen und Slawen. Aber dann regelt er die italienischen Angelegenheiten - endgültig. 774 wird der letzte Langobardenkönig Desiderius ins Kloster geschickt, Papst Hadrian bestätigt die Übertragung von dessen Krone an die Franken. Jetzt fehlt nur noch die dritte und letzte Stufe der Reichsgründung, die Kaiserkrönung in Rom am Weihnachtstag des Jahres 800.

Das alles kann man, sauber nach Themenkreisen sortiert, bei Johannes Fried nachlesen, in einer bei C. H. Beck verlegten Monographie, die sich auf gut 600 Textseiten erfolgreich bemüht, nicht allzu professoral zu wirken (auch wenn ein Satz wie der über die „erfrischende Sinnlichkeit“ Karls dann doch genau so altbacken klingt, wie er nicht klingen soll). Vor allem aber kann man bei Fried lesen, wie Karl auf seinen zunächst langsamen, dann aber, nach dem frühen Tod seines Bruders Karlmann, rasanten und unaufhaltsamen Machtzuwachs reagierte. Nämlich wie ein allmächtiger, alles verstehender, allseitig interessierter Bürokrat.

Weitere Themen

Topmeldungen

Steuern des Präsidenten : Wie viel Geld hat Trump noch?

Donald Trump soll in den vergangenen Jahren kaum Steuern gezahlt haben. Finanziell gehe es ihm nicht gut, heißt es in einem Medienbericht. Er habe Hunderte Millionen Dollar Schulden – und es könnten noch mehr werden.
Gibt es in Belarus wirklich „Licht am Ende des Tunnels“, wie das Plakat erhofft?

Belarus : Sie prügeln Schwangere

Lukaschenka wollte die Proteste in Belarus nach alten Mustern niederschlagen. Er suchte nach Männern, die er einsperren kann. Nun stehen ihm weibliche Anführer gegenüber. Ein Gespräch mit der Historikerin Svetlana Babac.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.