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Karin Hausens Pionierarbeit : Der kleine Unterschied wurde immer größer

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Ein Aufsatz mit Folgen: Die Historikerin Karin Hausen hat 1976 die Polarisierung der Geschlechtscharaktere entdeckt. Heute wird sie achtzig Jahre alt.

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          Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben, muss wirken und streben, und drinnen waltet die züchtige Hausfrau – die goldenen Worte aus dem bürgerlichen Zitatenschatz kennt auch, wer das Lied von der Glocke nicht mehr auswendig gelernt hat. Weit über die sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts hinaus war es noch eine Selbstverständlichkeit: Die Natur selbst hat Mann und Frau ihre polar entgegengesetzten Rollen vorgeschrieben.

          Deshalb kam es für eine Studentin der Geschichtswissenschaft im Jahr 1976 einem Offenbarungserlebnis gleich, in einem Aufsatz der jungen Historikerin Karin Hausen zu lesen, dass die komplementäre Natur von Mann und Frau mitnichten eine natürliche, überzeitliche und unüberwindliche Gegebenheit ist, sondern dass „die Polarisierung der Geschlechtscharaktere“ historisch in der Sattelzeit um 1800 zu lokalisieren ist und als „Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben“ erklärt werden kann.

          Kultur versus Natur

          Die neue Lehre von den gegensätzlichen Geschlechtscharakteren ließ lange Assoziationsketten wuchern. Verstand versus Gefühl, Erwerben versus Erhalten, „laute Begierde“ versus „stille Sehnsucht“ oder auch schlicht: Kultur versus Natur. Mann und Frau fanden danach ihre höchste humane Bestimmung in der komplementären Ausbildung ihrer Geschlechtscharaktere; weiche Männer und harte Weiber standen folglich auf einer niederen Stufe des Menschseins.

          Es liegt nahe, schreibt Karin Hausen, dass dieses System von Aussagen zuerst einmal zur Abwehr neuartiger Gleichstellungsforderungen diente. Auch Liberale wie Carl Theodor Welcker warnten vor der „Verfolgung einer abstracten Gleichheitsregel“, welche die Gesetze und Schranken der Natur ignoriere. Allerdings bemerkten schon die Zeitgenossen um 1800, „dass das Weib erst in den gebildeten Ständen der jüngeren Zeit zur vollen Entfaltung seiner natürlichen Bestimmung gelange“. In früheren Epochen und fremden Weltgegenden, aber auch unter Bauern, Handwerkern und Lohnarbeitern seien die Geschlechter einander ähnlicher, blieben also einer niederen Stufe der Humanität verhaftet. Die Stimme der Natur, so hieß es, spreche eben nicht ganz so leicht verständlich für alle.

          Das Bürgertum setzt den Trend

          Der Clou von Karin Hausens Aufsatz liegt darin, dass sie dieses System von Aussagen mit dem gesellschaftlichen Strukturwandel der Sattelzeit in Verbindung bringt. Die polaren Geschlechtscharaktere existierten demnach nicht nur als normative Erwartungen, sondern auch als empirische Verhaltensmuster. Denn sie entsprachen der standesspezifischen sozialen Realität im gehobenen Bildungs- und Beamtenbürgertum.

          Je mehr sich der Staatsdienst professionalisierte, desto mehr entfernte sich die Erwerbsarbeit vieler bürgerlicher Männer von der unbezahlten Familienarbeit ihrer Frauen. Und erst als sich ein spezifisch bürokratischer Rationalitätsstil herausbildete, der Sachlichkeit ohne Ansehen der Person als höchsten Wert installierte, wurde es überhaupt sinnvoll, Emotionalität als eigenständigen Wert davon abzugrenzen.

          Die Attraktion der Hausfrauenrolle

          Das liebevolle Heim als Reich der Frau und Zuflucht des vom kompetitiven Erwerbsleben geplagten Mannes – das war auch für die bürgerlichen Frauen selbst ein attraktives Rollenangebot. Da Erziehung, Bildung und Alltagsleben von Männern und Frauen sich tatsächlich immer weiter auseinanderentwickelten, so Karin Hausens Argument, wurden die Aussagen über die polaren Geschlechtscharaktere im Lauf der Zeit immer wahrer. Und da die bürgerliche Elite die Diskurshoheit innehatte, strahlten diese Verhaltensmuster auch in andere soziale Schichten aus.

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