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Kapitalismuskritik : Es wäre besser, Warhol hätte es nie gegeben

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Pop und Politik, Hipstertum und Occupy: Mark Greif gilt als wichtigster Vertreter eines neuen Typus der Kulturtheorie und -kritik Bild: Daniel Haas

Der amerikanische Kulturkritiker Mark Greif ist das New Yorker Sprachrohr einer global protestierenden jungen Intelligenz. Ein Spaziergang ins Herz der Kapitalismuskritik.

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          Grand Street, Lower Eastside, New York. Dumpfbraune Sozialbauten aus den vierziger und fünfziger Jahren. Pfandleiher, Reinigung, Moishe’s Kosher Bakery. Hier lebt er also, der Kulturkritiker Amerikas mit der größten Autorität. Der weltbeste Theorie-DJ und Diskurssampler, beschlagen in allen Ismen, interessiert an allen gesellschaftlichen und ästhetischen Fragen, mit Veröffentlichungen zu HipHop und Epikur, Reality-TV und Marcuse; Herausgeber der von Popintelligenz und Höhenkamm-Feuilleton gleichermaßen geschätzten Literaturzeitschrtift „N+1“ und Chronist der „Occupy“-Bewegung: Mark Greif.

          Vom heutigen Mittwoch an tourt er durch Deutschland, Suhrkamp hat in Windeseile alle seine Bücher verlegt, auf seiner Lesereise wird er das „Hipster“- Buch vorstellen. Der Hipster, das ist der urbane, popkulturell versierte Zeitgenosse zwischen zwanzig und vierzig, dem man, zumindest aus ideologiekritischer Sicht, die üblen Seiten der Gentrifizierung verdankt (Monokultur, Modeprimat, Mietwucher); der sich mit Architektur und Kunst beschäftigt und alles ganz ironisch meint, auch seine politische Haltung. Die ist irgendwie links, aber nur so lange, wie die Konsumgewohnheiten nicht gestört werden. Der Hipster war erst ein amerikanisches Phänomen, jetzt ist er eine globale Hassfigur. Keiner will ein Hipster sein, aber in Berlin-Mitte oder im Hamburger Karoviertel wohnen, das ist schon in Ordnung. Besuchen wir ihn also, den Denker des Hipstertums, für eine Aufklärung an Ort und Stelle.

          Nostalgie ohne Retro-Zwang

          Treffen im Zafi’s, 500 Grand Street. Amerikanischer Diner im Schlauchformat, blaue Resopaltische, ein verwitterter Weihnachtsbaum auf dem Tresen, ein Greis ordnet Tabletten. Wir wollen verstehen, wie sich Stadtteile derart verändern, dass dort am Anfang Arbeiter wohnen, wo später Intellektuelle ihre Designerturnschuhe kaufen, um dann noch später in genau diesen Turnschuhen zur Wall Street zu laufen und für Umverteilung Randale zu machen.

          Greif ist aus Toronto angereist, hauptberuflich arbeitet er als Literaturdozent an der New Yorker New School, einer renommierten Privatuni. Er hat ein Freisemester und will ein Buch schreiben, Arbeitstitel „Gegen Training“. Das Zafi’s ist eine lifestylefreie Zone. Es gibt Omelett, das nach Fisch schmeckt, und French Toast, der so zäh ist wie ein Schuhkarton. Greifs Großeltern lebten in diesem Stadtteil, er selbst ist in Boston aufgewachsen und fürs Studium wieder hergezogen. „Meine Großmutter kam immer hierher und beschwerte sich über die Schnatterliesen, die ,yenta’, wie es auf Jiddisch heißt.“ Greif liebt diesen Stadtteil, die Kultur, das Sprechen darüber. Er ist ein Nostalgiker, aber nicht im Retro-Stil. Das Alte ist ihm wichtig, nicht weil darin die Utopien von gestern in ästhetisierter Form konsumierbar geworden sind, sondern weil es ein Zeichen der Erinnerung darstellt. Und eine Form des Widerstands: „Kein Architekt schafft es, aus diesen Klötzen schicke Apartments zu machen“, sagt er fast stolz und zeigt auf die düsteren Gewerkschaftsbauten.

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