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Jobchancen für Geisteswissenschaftler : Verzögerte Ankunft wegen Signalstörung

In welchem Studienfach gibt es für Absolventen die besten Chancen? Die Geisteswissenschaften scheinen abgeschlagen Bild: ddp

Achtzig Prozent der Uni-Absolventen gelangen schon binnen eines Jahres nach dem Hochschulabschluss in eine bezahlte Erwerbsarbeit. Bei den Geisteswissenschaftlern aber sind es nur 55 Prozent, besagt eine Studie. Woran liegt das?

          2 Min.

          Von Studenten und Absolventen wird oft kompakt gesprochen, so als verlaufe das Studieren und das, was kurz danach folgt, für die meisten von ihnen sehr ähnlich. Schaut man sich die Studie zum Übergang verschiedener Absolventengruppen von der Universität in den Arbeitsmarkt an, die Carroll Haak und Anika Rasner jetzt vorgelegt haben, fallen hingegen starke Unterschiede auf. Die Statistikerinnen aus der Forschungsabteilung der Deutschen Rentenversicherung haben dabei vor allem Eigenheiten der Geisteswissenschaftler im Blick.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          So gelangen nach ihren Berechnungen achtzig Prozent aller sonstigen Absolventen schon binnen eines Jahres nach dem Hochschulabschluss in eine bezahlte Erwerbsarbeit; bei den Geisteswissenschaftlern sind es nur 55 Prozent. Nach zwei Jahren sind neunzig Prozent der Ingenieure abhängig beschäftigt, eine Quote, die von den Geisteswissenschaftlern auch nach fünf Jahren nicht erreicht wird. Man mag das einen erhöhten Anteil an Selbständigen nennen. Tatsächlich aber jobben Geisteswissenschaftler nach dem Studium häufiger als ihre Kommilitonen aus anderen Fachgruppen und die Zahl der Jobber übersteigt bei ihnen kurz nach dem Studium sogar ein wenig die der regulär Erwerbstätigen.

          Auch ist ihre Arbeitslosenquote, entgegen aller Schönrednerei im „Jahr der Geisteswissenschaften“, etwa doppelt so hoch wie bei Absolventen anderer Fachrichtungen. Geisteswissenschaftler studieren etwas länger als ihre Kommilitonen, arbeiten aber auch häufiger über ihr gesamtes Studium hinweg (48 Prozent), was bei den Jura- und Ökonomiestudenten nicht ganz so ausgeprägt der Fall ist (40 Prozent) und bei den Ingenieuren noch seltener (30 Prozent).

          Erst Uni dann Kind

          Da die Geisteswissenschaften, was ihre Studentenschaft angeht, weiblich dominiert sind, könnte man als eine Ursache für die Besonderheiten beim Berufsübergang vermuten, dass hier unmittelbar nach dem Studium nicht selten Familiengründung im Vordergrund steht. Das trifft auch zu. Im Jahr nach dem Abschluss haben 13,4 Prozent aller Geisteswissenschaftlerinnen ein Kind, aber nur 6,2 Prozent der Ingenieurinnen - doch eben auch nur 7,6 Prozent aller Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlerinnen, in deren Fächern der Frauenanteil nicht viel geringer ist als in den Sprach- und Kulturwissenschaften.

          Die Vermutung der Autorinnen, woher die Sondermerkmale der Geisteswissenschaftler kommen, konzentrieren sich auf zwei andere Faktoren. Zum einen halten sie fest, dass die Studentenpopulation hier heterogener ist, weil es praktisch keine Eintrittsbarrieren in die betreffenden Fächer gibt. Auch im Studium selber gibt es in vielen geisteswissenschaftlichen Disziplinen weniger scharfe Prüfungen, etwa solche, die auch nicht bestanden werden können, weniger verbindliche Fristen, weniger klare Standards. Zum anderen zeigt sich, dass die Abschlussnote der Geisteswissenschaftler in keinem signifikanten Zusammenhang mit ihrer Chance steht, zügig einen Beruf zu finden. Vielmehr scheint es, dass die Arbeitgeber über das Abschlusszertifikat hinaus anderer, zusätzlicher Signale bedürfen, um, wie es die Forscherinnen formulieren, „Anhaltspunkte hinsichtlich der Leistungsdisposition von Bewerbern“ aus den Geisteswissenschaften zu gewinnen.

          Es versteht sich, dass diese Befunde Durchschnittsbefunde sind. Die unterschiedliche Selektivität von Studiengängen wie beispielsweise Japanologie, Alte Geschichte, Germanistik oder Pädagogik, geht aus der Analyse nicht hervor. Dennoch ist auch das Durchschnittsurteil informativ: In den Geisteswissenschaften ist das „educational signaling“, die Produktion von Kriterien für künftige Arbeitgeber, was von einem Absolventen zu halten sei, besonders schwach.

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