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„Jahr der Geisteswissenschaften“ : Der Luxus des freien Denkens

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Was hilft Denken? Bild: dpa

2007 soll das „Jahr der Geisteswissenschaften“ werden. Zeit, endlich wieder Mut zur Exzentrik zu fassen - meint Hans Ulrich Gumbrecht in seinen zehn Beobachtungen.

          2007 soll das „Jahr der Geisteswissenschaften“ werden. Zeit, endlich wieder Mut zur Exzentrik zu fassen. Zehn Beobachtungen von Hans Ulrich Gumbrecht, Professor für Romanistik an der Stanford University.

          1.

          Dass heute jedes Jahr, lange bevor es beginnt, mit chronographisch motivierten Gedenk-Anlässen für sich wirbt, gehört zu den Obsessionen der Zeit. Zukunftsverdrossen und tendenziell auch gegenwartsverwirrt, lassen wir uns gerne von vielfachen Vergangenheiten überfluten und tauchen ausführlich in ihre Tiefen, um dann zum Jahreswechsel kurz Luft holend nach den nächsten Wellen des Erinnerns Ausschau zu halten. Inzwischen hat sich, erfolgsbedingt wohl, zu den Gedenk-Jahren eine kulturelle Gestalt gesellt, die man „Fokus-Jahre“ nennen könnte.

          Staatliche wie private Agenturen testen ihren Einfluss, indem sie den jeweils erreichbaren Öffentlichkeiten zwölfmonatige Spannen der Konzentration auf bestimmte Phänomene und Institutionen nahe legen. Vorbildlich im Trend liegend hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung verschiedenen Fächern und Zweigen der Wissenschaft mittlerweile schon sieben solcher Jahre gewidmet und ruft nun endlich, von einer bisherigen Fixierung auf die Naturwissenschaften erstmals abweichend, 2007 als „Jahr der Geisteswissenschaften“ aus. Damit steht die Initiative auch zum ersten Mal in einem eigentümlichen Spannungsfeld, das an solche Fokus-Jahre gebunden scheint. Weil einerseits niemand an der Bedeutung der Naturwissenschaften zweifelt, geraten Jahre der Physik oder der Lebenswissenschaften unvermeidlich zu Anlässen selbstbewusster Leistungsschau. Mit einem Jahr der Geisteswissenschaften andererseits läuft man ebenso unvermeidlich Gefahr, der besonderen Peinlichkeit zu erliegen, welche in jeglicher Feier des angeblich „zu Unrecht Vernachlässigten“ lauert.

          2.

          Das vom Ministerium lancierte Motto „Die Geisteswissenschaften - ABC der Menschheit“ macht einen langen Schritt in die Zone eben dieser Peinlichkeit, welcher durch die Banalität der mit ihm verbundenen Bedeutungen vielleicht schon bis zur Unumkehrbarkeit verstärkt ist. Die „Vielfalt der Geisteswissenschaften“ solle deutlich werden in ihrer „Auseinandersetzung mit allen Bereichen, die den Menschen als geistiges Wesen ausmachen“, aber auch „die große Bedeutung der Sprache für die Funktion“ der Geisteswissenschaften.

          Solche pompösen Auslegungen des Offensichtlichen mögen noch das bildungsfreundlichste Publikum davon überzeugen, dass es besser wäre, die Geisteswissenschaften auszuschließen von einem europäischen Förderungsprogramm, das ihnen - zusammen mit den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften - sage und schreibe 623 Millionen Euro an Sondermitteln zuschanzen soll. Ist es denn wirklich vordringlich, „Verständigung (Kommunikation), insbesondere innerhalb der eigenen und mit fremden Kulturen“ zu erforschen? Kann man Verständigung nicht einfach geschehen lassen? Trifft es zu, dass sich die Leistung der Geisteswissenschaft im „Vermitteln“ von Begriffen und Bedeutungen, im „Gestalten“ von Welt-Bildern und im „Erinnern“ bewährt?

          3.

          Die Antwort heißt nein. Denn während wir das Vermitteln, Gestalten und Erinnern von Welt-Wissen „Kultur“ nennen, visieren die Geisteswissenschaften - innerhalb der Kultur - die spezifischere Aufgabe an, all die kulturkonstituierenden Prozesse reflexiv zu erfassen. Freilich könnte die dem Bundesministerium unterlaufene Ebenenverwechslung Symptom für eine sich derzeit vollziehende Entdifferenzierung sein. In Deutschland jedenfalls sind einige der fähigsten Köpfe aus einer Generation junger Geisteswissenschaftler in die Feuilletons abgewandert, die sich ihrerseits merklich für Geisteswissenschaftler als Autoren geöffnet haben.

          Diese Konvergenz soll denn auch auf einem „Gipfel: Feuilleton trifft Wissenschaft“ während des Jubeljahrs gefeiert werden. Zugleich konzentrieren sich die Spendeneinwerbungskampagnen an amerikanischen Spitzenuniversitäten zunehmend auf Projekte zur Initiierung künstlerischer Praxis - und immer weniger auf das, was man eigentlich nur auf Deutsch „geisteswissenschaftliche Forschung“ nennt. In solchen Bewegungen zeichnet sich möglicherweise eine Re-Absorption des ehemals ausdifferenzierten akademischen Phänomens der Geisteswissenschaften durch die kulturelle Öffentlichkeit ab.

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