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„Jahr der Geisteswissenschaften“ : Der Luxus des freien Denkens

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Wäre es deshalb nicht besser, wenn - weltweit und national - die Zahl der Geisteswissenschaftler möglichst bald drastisch zurückginge? Diese Frage muss möglich und ihre Beantwortung mit arbeitsmarktpolitischen Argumenten sollte untersagt sein. Für Deutschland freilich dokumentiert das zuständige Bundesministerium einen erstaunlichen Anstieg der Geisteswissenschaftler von 19 auf 26 Prozent der Gesamtstudentenzahl während der letzten sechzehn Jahre. Unklar bleibt, ob diese Zahlen nur belegen, wie das dicht geknüpfte soziale Netz Europas den Jungakademikern alle Angst vor bevorstehender Arbeitslosigkeit nimmt - oder ob sie die erste Reaktion auf eine neue Wertschätzung geisteswissenschaftlicher Kompetenzen außerhalb der Geisteswissenschaften anzeigen.

8.

Allenthalben sind Geisteswissenschaftler gefragt für Vortragsanlässe oder Ausschüsse, in denen es darum gehen soll, Aktivitäten der Technik, Wirtschaft oder Politik unter die oft von Ressentiments getriebene Kontrolle ethischer Normen zu stellen. Die vollkommene Folgenlosigkeit solcher Anlässe belegt allerdings, dass kaum jemand den Geisteswissenschaftlern wirklich ein kompetentes Urteil in Fragen der Ethik zutraut. Einfach auf Wissenschaftlichkeit oder Methodik kann sich ein solcher Anspruch ja wohl nicht stützen - aber worin sonst sollte er begründet sein? Andererseits wird jene Funktion beinahe beschämt verschwiegen, in der sich die Geisteswissenschaften am besten bewährt haben, nämlich die materielle Bewahrung und kulturelle Vermittlung von Texten und Kunstwerken der Vergangenheit.

Weniger offensichtlich, aber langfristig vielleicht ebenso wirkungsvoll mag der Beitrag der Geisteswissenschaften zur Komplexifizierung unserer Weltsicht sein. Indem sie - entgegen der Komplexitätsreduktionsfunktion aller anderen sozialen Systeme - die Welt komplizierter erscheinen lassen, als sie sich im sozialen Wissen darstellt, werden die Geisteswissenschaften zu Kritik oder Lob des Bestehenden und halten so die Zukunftshorizonte offen für Veränderung. Den Habitus solcher Komplexitätsproduktion zu wecken und zu formen, neue Fragen zu identifizieren und in die Diskussion zu bringen, wie es Wilhelm von Humboldt speziell von den Universitäten forderte, sollte den Vorrang haben vor der Absicherung alles im Vorhinein politisch und ideologisch Festgelegten.

9.

Was die Geisteswissenschaftler nicht nur für Deutschland verloren haben inmitten einer Zeit, da sie dank vielfältiger technischer Hilfsmittel, dank Sonderforschungsbereichen und häufiger Freistellung von der Lehre gegenüber ihren Vorgängern beständig Zeit zum Lesen, Denken und Schreiben akkumulieren sollten, ist der Mut zu großen gedanklichen Entwürfen und die Geduld zu profunder Gelehrsamkeit. Unsere Projekte wirken kleinteiliger und vielleicht unterhaltsamer für ein breites Publikum von Lesern als die unserer Vorgänger - aber meist auch weniger exzentrisch.

10.

Indem die Programm-Texte des Bundesministeriums zum „Jahr der Geisteswissenschaften“ beharrlich diese Fächer mit den von ihnen zu reflektierenden Phänomenen und Vorgängen verwechseln, tragen sie zu dem - ganz absurden - Eindruck bei, dass wir unsere Kultur, unser geistiges Leben und vielleicht sogar unsere Sprachen den Geisteswissenschaften verdanken. Vielleicht wird ja das ihnen gewidmete Jahr zum Anlass, endlich einmal selbst - statt durch abgenutzte Legitimationsdiskurse - zu betonen, dass Kultur, Sprache und Kunst ohne die Geisteswissenschaften gewiss weiterexistieren werden.

Bewundernswert und förderungswert sind sie allein wegen ihrer luxuriösen Unwahrscheinlichkeit. Dafür freigestellt zu sein, die Welt komplexer scheinen zu lassen, ist ein Erbe und ein Privileg, zu dessen Übernahme sich neue Generationen hoffentlich entschließen werden - hoffentlich auch im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass nicht einmal die Kontinuität der Geisteswissenschaften (und schon gar nicht die der menschlichen Kultur) von unseren Beschlüssen abhängt.

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