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„Jahr der Geisteswissenschaften“ : Der Luxus des freien Denkens

  • -Aktualisiert am

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„Wissenschaften im strengen Sinn“ zu sein, hatten sich die Geisteswissenschaften ja ohnehin nur im Einflussbereich der deutschen Tradition aufs Banner geschrieben. An den angloamerikanischen Universitäten heißen sie bis heute „Humanities and Arts“ und werden als Kennerschaft mit schriftstellerischer Ambition und erzieherischer Verpflichtung gelebt. Wörtlich übersetzt wirkt eine Berufsbezeichnung wie „Literaturwissenschaftler“ im Englischen fast komisch. Das Französische führt - wie die anderen romanischen Sprachen - zwar einen Begriff der „sciences humaines“, nennt aber die Gelehrten jener Fächer nicht „Wissenschaftler“.

Eben im Sinn solcher lexikalischen Unterschiede stößt man außerhalb der deutschen Tradition auch auf erhebliche Skepsis gegenüber allen anderen Analogien zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften: die „Humanities“ pochen kaum auf „Methoden“, groß angelegte Projekte von Verbundforschung werden für sie selten konzipiert und nie gefördert, und keiner käme auf den Gedanken, ihre Funktion in den College-Lehrplänen „berufsausbildend“ zu nennen. Gerade darunter scheint allerdings ihre Beliebtheit bei der jüngsten Generation von College-Studenten gelitten zu haben, die - entgegen der eigenen Tradition und oft auch entgegen den Erwartungen ihrer Familien - den frühen Erwerb von berufsrelevantem Wissen suchen.

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Natürlich ist nichts Prinzipielles gegen Wissenschaftlichkeitsehrgeiz in den Geisteswissenschaften einzuwenden, solange die Alternativen nicht aus dem Blick geraten - und auch der nicht bloß finanzielle Preis, der daran gebunden ist. Nur in Deutschland zum Beispiel, wo der Zusammenschluss der Geisteswissenschaften zu einem Disziplinenverbund und ihre Abtrennung von den Naturwissenschaften systematisch vorreflektiert waren, sind die gut hundert Jahre ihrer Geschichte von Konkurrenzneid, von der Furcht vor Wirklichkeitsverlust und von dem Druck überschattet gewesen, sich durch „unverzichtbare gesellschaftliche Funktionen“ rechtfertigen zu müssen. In keiner anderen akademischen Tradition ist folglich die Stellung der Geisteswissenschaften ähnlich zentral und ihre Geltung ähnlich prekär.

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Darin mag ein Grund für die Neigung liegen, ihren Rang „im internationalen Vergleich“ entweder sehr deutlich zu über- oder zu unterschätzen. Da die Zeichen heute eher auf einem habitualisierten Minderwertigkeitskomplex stehen, tat der Wissenschaftsrat gut daran, vor etwa einem Jahr auf das heute weltweit hohe Ansehen der deutschen Geisteswissenschaften zu bestehen. Denn die Innovations- und Provokationsschübe, die vor drei oder zwei Jahrzehnten aus Frankreich und dann bald auch aus den Vereinigten Staaten kamen und die deutschen Geisteswissenschaftler in eine reaktive Position drängten, sind längst verebbt. In einer Gegenwart der intellektuellen Windstille haben die deutschen Geisteswissenschaften - vielleicht dank der international einmaligen Finanz-Volumina ihrer Förderung - sichtbar aufgeholt und auf einigen Gebieten sogar Vordenker-Figuren hervorgebracht.

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Wenn man sich von der fixen Idee befreien könnte, nach der die Geisteswissenschaften einen unmittelbaren gesellschaftlichen Bedarf befriedigen (oder wenigstens befriedigen sollten), dann würde der Sachverhalt evident, dass es für mittelmäßige Lehrveranstaltungen oder Bücher in den Geisteswissenschaften keine Rechtfertigung gibt. Wissensvermittlung in den vorklinischen Fächern etwa oder in den Ingenieurswissenschaften gewinnt ihre Legitimität aus den zukünftigen Berufsanforderungen ihrer Studenten. Für langweilige Vorlesungen über Shakespeares Dramen oder Kants Kritische Schriften gibt es keine Entschuldigung, weil sie eine Beschäftigung der Studenten mit solchen Gegenständen am Ende eher verstellen als befördern.

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