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Im Gespräch: Ulrich Raulff : Wie hat George unser Land geprägt?

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Ulrich Raulff, der Leiter des Marbacher Literaturarchivs Bild:

Wir treffen Ulrich Raulff im Marbacher Literaturarchiv, das samstäglich still und wie in sich gekehrt wirkt. Der Direktor dagegen ist höchst lebhaft und überrascht vom großen Interesse an dem Buch über Stefan George, das er gerade veröffentlicht hat.

          6 Min.

          Was war für Sie in der langen Zeit, in der Sie nun über Georges Nachleben geforscht und reflektiert haben, am Ende das Überraschendste, was Sie nicht schon zu Beginn geahnt haben?

          Ulrich Raulff: Das Überraschendste war zweifellos, wie dicht ich im Laufe der Studien an meine Gegenwart, an meine Erfahrungs- und Lebenswelt, auch in meine sozialen Gruppen kommen würde. Denn ich höre zwar erklärtermaßen 1968 auf, im Jahr des hundertsten Geburtstages von George. Tatsächlich erlaube ich mir aber, Spuren nachzugehen, die bis in die achtziger Jahre führen, etwa zur Gründung des Wissenschaftskollegs in Berlin – und damit zu Namen von Kollegen, die wir alle kennen.

          Sie entzaubern im Laufe Ihrer Darstellung sehr vieles. Mich wundert aber, wie unterkühlt der Ton wird, wenn es um Wolfgang Frommel und seinen Amsterdamer Kreis des „Castrum Peregrini“ geht. Denken wir einmal an die Briefe, die Frommel an seine Eltern schrieb – die sind doch ungemein sympathisch, gerade in ihrer ästhetischen Modernität, wenn er etwa von der „Dreigroschenoper“ spricht. Warum der Temperatursturz?

          Zweifellos sind in diesem Amsterdamer Kreis junge Menschen vor der Deportation gerettet, vor dem Zugriff geschützt worden. Dennoch gehört Frommel zu den problematischeren Figuren in dem Netz. Denn für die Widerstandslegende, die sich um ihn gebildet hat, sind nie wirkliche Beweise vorgelegt worden. Man hat eine Beziehung zum 20. Juli immer wieder behauptet. Percy Gothein und Theo Haubach, der Sozialdemokrat, hätten nach dieser Legende Kurierdienste von Amsterdam aus unternommen – aber dafür, wie gesagt, fehlen bis heute die Belege. Es ist immer nur von Frommel so weitergegeben worden. Percy Gothein ist im Lager Neuengamme nicht als Widerständler, sondern als Homosexueller ermordet worden. Ich würde mich freuen, wenn jemand die Beweise für den Widerstand auf den Tisch legte.

          Für mich war in Ihrem Buch auch methodisch am überraschendsten das, was Sie die „Absorptiongeschichte“ der Ideen Georges nennen, die Feinstaubablagerungen in der Bundesrepublik unserer Jugend, in der Bildungspolitik vor allem. Sie machen sozusagen einen zweiten Anfang mit dem preußischen Kultusminister C. H. Becker, der nicht eigentlich zum Kreis um George gehörte, sondern einen eigenen Zirkel von jungen, vielversprechenden Leuten hatte. Becker erscheint da eine Art Parallelaktion. Und da treffen wir die Leute, mit denen Sie und ich groß wurden, den Bildungstheoretiker Picht, den Sozialdemokraten Carlo Schmid . . .

          . . . und die Weizsäckers. Ich habe auch Hellmuth Becker noch gekannt, den Sohn des Kultusministers. Ich wusste immer, dass es Verbindungen von George in die Reformpädagogik gab. Schon sehr früh, in Wickersdorf, dem Landschulheim; etwas weiter entfernt auch in Salem, der Schule von Kurt Hahn. Stärker wieder in dem Internat Birklehof im Schwarzwald, wo Picht wirkte. Diesen Spuren wollte ich nachgehen. Und es gibt in diesem Zusammenhang ein einziges Thema aus dem ganzen George-Zusammenhang, über das ich noch einmal forschen möchte. Das Kapitel würde heißen: George in Palästina. Das würde mich reizen, die Nachwirkung in einer ganzen Reihe von jungzionistischen Gruppen.

          So etwas hat mir Arnold Paucker auch mal erzählt, der das Erbe der deutschen Jugendbewegung in Palästina untersuchte . . .

          Ganz richtig. Jugendbewegung und Reformbewegung, das geht bis in die Kibbuzim hinein, und dort wird dann auch wieder George am Lagerfeuer gelesen und vorgetragen . . .

          . . . und Gershom Scholem schließt mit einem George-Gedicht 1967 seine „Rede über Israel“, sehr pathetisch.

          Scholem war natürlich mit dieser Gedankenwelt vertraut. Es gab ja auch Parallelkreise wie den Forte-Kreis, mit dem Scholem noch in Berührung gekommen war. Oder nehmen Sie zum Beispiel den Eucken-Kreis: Das sind Erwartungs- und Erregungsmuster, die es auch jenseits von George gab. Meistens um ähnliche charismatische Figuren gebildet. Kreise waren ein Erfolgsmodell, eine Marke.

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