https://www.faz.net/-gqz-145bp

Im Gespräch: Ulrich Raulff : Wie hat George unser Land geprägt?

  • Aktualisiert am

Ulrich Raulff, der Leiter des Marbacher Literaturarchivs Bild:

Wir treffen Ulrich Raulff im Marbacher Literaturarchiv, das samstäglich still und wie in sich gekehrt wirkt. Der Direktor dagegen ist höchst lebhaft und überrascht vom großen Interesse an dem Buch über Stefan George, das er gerade veröffentlicht hat.

          Was war für Sie in der langen Zeit, in der Sie nun über Georges Nachleben geforscht und reflektiert haben, am Ende das Überraschendste, was Sie nicht schon zu Beginn geahnt haben?

          Ulrich Raulff: Das Überraschendste war zweifellos, wie dicht ich im Laufe der Studien an meine Gegenwart, an meine Erfahrungs- und Lebenswelt, auch in meine sozialen Gruppen kommen würde. Denn ich höre zwar erklärtermaßen 1968 auf, im Jahr des hundertsten Geburtstages von George. Tatsächlich erlaube ich mir aber, Spuren nachzugehen, die bis in die achtziger Jahre führen, etwa zur Gründung des Wissenschaftskollegs in Berlin – und damit zu Namen von Kollegen, die wir alle kennen.

          Sie entzaubern im Laufe Ihrer Darstellung sehr vieles. Mich wundert aber, wie unterkühlt der Ton wird, wenn es um Wolfgang Frommel und seinen Amsterdamer Kreis des „Castrum Peregrini“ geht. Denken wir einmal an die Briefe, die Frommel an seine Eltern schrieb – die sind doch ungemein sympathisch, gerade in ihrer ästhetischen Modernität, wenn er etwa von der „Dreigroschenoper“ spricht. Warum der Temperatursturz?

          Zweifellos sind in diesem Amsterdamer Kreis junge Menschen vor der Deportation gerettet, vor dem Zugriff geschützt worden. Dennoch gehört Frommel zu den problematischeren Figuren in dem Netz. Denn für die Widerstandslegende, die sich um ihn gebildet hat, sind nie wirkliche Beweise vorgelegt worden. Man hat eine Beziehung zum 20. Juli immer wieder behauptet. Percy Gothein und Theo Haubach, der Sozialdemokrat, hätten nach dieser Legende Kurierdienste von Amsterdam aus unternommen – aber dafür, wie gesagt, fehlen bis heute die Belege. Es ist immer nur von Frommel so weitergegeben worden. Percy Gothein ist im Lager Neuengamme nicht als Widerständler, sondern als Homosexueller ermordet worden. Ich würde mich freuen, wenn jemand die Beweise für den Widerstand auf den Tisch legte.

          Für mich war in Ihrem Buch auch methodisch am überraschendsten das, was Sie die „Absorptiongeschichte“ der Ideen Georges nennen, die Feinstaubablagerungen in der Bundesrepublik unserer Jugend, in der Bildungspolitik vor allem. Sie machen sozusagen einen zweiten Anfang mit dem preußischen Kultusminister C. H. Becker, der nicht eigentlich zum Kreis um George gehörte, sondern einen eigenen Zirkel von jungen, vielversprechenden Leuten hatte. Becker erscheint da eine Art Parallelaktion. Und da treffen wir die Leute, mit denen Sie und ich groß wurden, den Bildungstheoretiker Picht, den Sozialdemokraten Carlo Schmid . . .

          . . . und die Weizsäckers. Ich habe auch Hellmuth Becker noch gekannt, den Sohn des Kultusministers. Ich wusste immer, dass es Verbindungen von George in die Reformpädagogik gab. Schon sehr früh, in Wickersdorf, dem Landschulheim; etwas weiter entfernt auch in Salem, der Schule von Kurt Hahn. Stärker wieder in dem Internat Birklehof im Schwarzwald, wo Picht wirkte. Diesen Spuren wollte ich nachgehen. Und es gibt in diesem Zusammenhang ein einziges Thema aus dem ganzen George-Zusammenhang, über das ich noch einmal forschen möchte. Das Kapitel würde heißen: George in Palästina. Das würde mich reizen, die Nachwirkung in einer ganzen Reihe von jungzionistischen Gruppen.

          So etwas hat mir Arnold Paucker auch mal erzählt, der das Erbe der deutschen Jugendbewegung in Palästina untersuchte . . .

          Ganz richtig. Jugendbewegung und Reformbewegung, das geht bis in die Kibbuzim hinein, und dort wird dann auch wieder George am Lagerfeuer gelesen und vorgetragen . . .

          . . . und Gershom Scholem schließt mit einem George-Gedicht 1967 seine „Rede über Israel“, sehr pathetisch.

          Scholem war natürlich mit dieser Gedankenwelt vertraut. Es gab ja auch Parallelkreise wie den Forte-Kreis, mit dem Scholem noch in Berührung gekommen war. Oder nehmen Sie zum Beispiel den Eucken-Kreis: Das sind Erwartungs- und Erregungsmuster, die es auch jenseits von George gab. Meistens um ähnliche charismatische Figuren gebildet. Kreise waren ein Erfolgsmodell, eine Marke.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klage vor Supreme Court : John Majors Verachtung für Boris Johnson

          Der frühere Premierminister John Major ging zu seiner Amtszeit nicht mit Samthandschuhen vor. Doch Boris Johnsons Mittel gehen ihm zu weit. Deswegen hat er sich der Klage gegen die Beurlaubung des Parlaments angeschlossen.
          Unser Sprinter-Autor: Felix Hooß

          F.A.Z.-Sprinter : Plötzlich kleinlaut

          Trump, Netanjahu und Johnson kennt man großspurig. Doch plötzlich zögert Trump, kämpft Netanjahu um sein politisches Überleben und muss sich Johnson vor dem Supreme Court rechtfertigen. Alles Wichtige steht im F.A.Z.-Sprinter.
          Die Talkrunde zum Thema Klimapolitik bei Frank Plasberg

          TV-Kritik: Hart aber fair : Die Realität der Zwickmühle

          Die Klimapolitik ist so verzwickt, dass es den üblichen Verdächtigen kaum noch gelingt, Einsicht in das Notwendige oder gar Verhaltensänderungen zu erreichen. Tatsächlich sehen einige das Format der Talkshow als Pranger für üble Phantasien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.