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Im Gespräch: Ulrich Raulff : Wie hat George unser Land geprägt?

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. . . er vertritt die Arbeiterklasse, und er sucht das Abenteuer. Er geht auf Reisen, er stürzt mit seiner Maschine ab. Er setzt sich größten Gefahren aus. Er geht in Krisengebiete . . .

. . . und geht dann wieder in den Beruf des einfachen Lehrers zurück wie Wittgenstein . . .

. . . und schreibt darüber ein Buch, das man sich mal ansehen muss. Denn die Ikonographie könnte auch in einem reinen Nazi-Schulbuch zu finden sein. Und das ist genau der Typus von Buch, nach dem ich in den fünfziger Jahren an der Volksschule noch unterrichtet wurde. Ich habe meinen alten Lehrer angerufen und gefragt: Hatten Sie Reichwein gelesen? Er hatte noch nie von ihm gehört, aber er hat haarscharf den Unterricht gemacht, den Reichwein in den dreißiger Jahren in Tiefensee nördlich von Berlin erteilt hat.

Ich nenne drei Bücher, die ich nicht in ihrer Qualität gleichsetzen will, die mir aber als Zeitzeichen erscheinen: Thomas Karlaufs „Stefan George“, Reinhard Mehrings „Carl Schmitt“ und Ihr Buch. Wenn man davon ein Datum ableitet, wie würden Sie es beschreiben? Ist das, was wir sehen, eine Verbindung der monumentalen und der kritischen Geschichtsschreibung?

Zunächst passiert da etwas, das ich als nachholende Normalität beschreiben würde. Wir haben zwanzig, dreißig Jahre lang erlebt, dass alle paar Jahre eine neue Geschichte der Frankfurter Schule herauskam. Dieses linksliberale Stratum unserer Ideen und Geistesgeschichte, unserer bundesrepublikanischen Formationsgeschichte ist bis auf den Grund erforscht worden. Besenrein ausgeforscht. Auf der rechten oder konservativen Seite dagegen herrschte immer ein angenehmes Halbdunkel. Man wusste, es gibt da auch ähnlich virulente Orte. Plettenberg im Falle von Carl Schmitt. Dann Wilflingen – im Süden gibt es dieses Heidegger-Jünger-Netz, das über Ernst Klett und Klostermann, die Verleger, mit dem George-Netz verknüpft ist. Hans Grimm hatte im Norden seine „Lippoldsberger Dichtertage“. Und es gibt das Netz um Arnold Gehlen. Das war alles sehr wenig erforscht, und jetzt ändert sich das. Auch Münster und die Schule von Joachim Ritter sind in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Mit anderen Worten, jetzt wird die konservative Seite stärker beforscht, erweist sich auch langfristig als interessanter – weil vermutlich doch der interessantere Teil der Geistesgeschichte sich auf dieser Seite abgespielt hat. Auf diese Entwicklung habe ich lange gewartet, und immer noch fehlt da vieles. Dass nun George plötzlich so interessant geworden ist, kann man aber nicht nur aus seiner Leistung als Lyriker erklären, sondern es begreift sich dann doch wirkungsgeschichtlich über den Kreis . . .

. . . den Kreis zwischen Bendlerblock mit Stauffenberg, der am Sterbebett Georges die Totenwache hielt, und dem Wilhelmstraßenprozess mit dem Angeklagten Ernst von Weizsäcker, der den Kranz des Deutschen Reiches am Grab niederlegt.

Das sind die entscheidenden Daten. Das „kleine schmutzige Geheimnis“, also die Sexgeschichten, hingegen erklärt wenig.

Und keiner redet mehr von Robert E. Norton und seiner George-Kreis-Monographie . . .

Die „Zeit“ brachte kürzlich einen Artikel von Robert Norton, in dem er nachweisen wollte, dass von George nur Wege in die geistige Knechtschaft führten und damit in den Geist des Nazitums und eben keine Wege in den Widerstand oder zum Einsatz für die Unterdrückten. Aber George war so ambivalent und hat mit solchem Fleiß darauf geachtet, die Ambivalenz zu wahren, um im entscheidenden Moment sagen zu können: Das ist das Gemeinte. Man kann ihn für alles in Anspruch nehmen, für Akte des Widerstands, aber auch für Akte der Knechtung und der Selbstknechtung.

Zur Person

Ulrich Raulff wird am 13. Februar 1950 in Meinerzhagen geboren.

Er studiert Philosophie und Geschichte in Marburg, Frankfurt und Paris und wird 1977 promoviert. Raulff arbeitet freiberuflich als wissenschaftlicher Publizist, Übersetzer und Mitarbeiter verschiedener deutscher Verlage. 1995 habilitiert er sich an der Humboldt-Universität Berlin im Fach Kulturwissenschaft.

1994 wird Raulff Redakteur im Feuilleton dieser Zeitung und übernimmt drei Jahre später dessen Leitung. 2001 wechselt er ins Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“.

Im November 2004 wird Raulff Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach, seit November 2005 ist er Mitglied im Präsidium des Goethe-Instituts.

Raulff hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter „Marc Bloch - Ein Historiker im 20. Jahrhundert“, „Wilde Energien - Vier Versuche zu Aby Warburg“ sowie kürzlich sein vielbeachtetes Werk über Stefan George mit dem Titel „Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben. Eine abgründige Geschichte.“

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