https://www.faz.net/-gqz-145bp

Im Gespräch: Ulrich Raulff : Wie hat George unser Land geprägt?

  • Aktualisiert am

Aber da gibt es Unterschiede. Der Forte-Kreis existiert in Wirklichkeit für vielleicht drei oder sieben oder siebzehn Monate, um den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Nicht länger. Aber jetzt ist es bei George doch anders. Ihr Buch legt ja eine Idee sehr nahe: dass diese Intensität und Breite der Wirkung sonst nirgendwo existiert hat. Wenn man an Charles Péguy in Frankreich denkt – sicher, da gibt es auch einen Kreis, aber doch nicht derart dramatisch die Geschichte und die Geschicke des Landes bündelnd. Woran lag es bei George? Sie sagen: Er konnte Spannungen produzieren. Als Widerspiel von Verführung und Drohung. Bei aller Entzauberung glaubt man doch, bei Ihnen die Geschichte einer ungeheuren menschlichen Kraft zu lesen.

Wenn ich die nicht gespürt hätte, dann hätte ich das Buch auch vermutlich nicht geschrieben. Etwas von dieser Energie, in einer fernen Abstrahlung, ist bei mir noch angekommen, das habe ich gespürt. Ein ungeheures Kraftzentrum, eine Verdichtung von intellektueller Energie, und das hat mich in der Tat interessiert – mich beschäftigen nun einmal Intellektuellenschicksale im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert. Und dieser Kreis war eine für viele schicksalhafte Gruppe. Eine Konstellation. Dass George dieses Nachleben haben konnte, im starken Sinne, dass hier nicht nur eine Rezeptionsgeschichte zu erforschen war oder eine irgendwie interessierte Nachwelt, das ist singulär. Um das Nachleben zu erklären, muss man erklären, wie der Kreis zusammenkommt, oder wie auch immer man die Figuration beschreiben will, ob als Mobile oder als Kreis von Kreisen. Wie kommt das zusammen, wie rekrutiert es sich, und wie hält es zusammen über so viele Jahre hinweg? Denn George erzeugt dieses Phänomen um sich herum über einen Zeitraum von immerhin drei Jahrzehnten. Das umgibt ihn ja nicht nur in den jungen Mannesjahren, es bleibt ihm bis zum Schluss. Obwohl ihm gegen Ende hin die Steuerung des Ganzen deutlich mehr Mühe macht und immer häufiger auch missrät. Und ich finde in all den in den letzten Jahren gebotenen psychosozialen Erklärungen nichts, was mir dieses Phänomen restlos erklärt.

Wenn Sie bei Wolfgang Frommel so kühl werden, dann hat man in anderen Passagen das Gefühl, dass Sie mit besonderer Sympathie an die Darstellung gehen. Ich denke hier an das Kapitel über den Historiker Ernst Kantorowicz im kalifornischen Exil. Man würde in der Musik sagen: Das ist der langsame Satz der Symphonie. Es schwingt sich aus.

Das Buch hat verschiedene Tempi und vor allem auch sehr verschiedene Wärmegrade. Oder auch Kältegrade. Ich habe zu jeder der vielen Figuren versucht ein eigenes Tempo zu entwickeln, wie ich auch eine eigene Temperatur mit jedem verbinde. Kantorowicz ist sicher der, der am meisten Sympathie trägt und der mich auch weiter beschäftigen wird. Auch er hat mir viele Rätsel gelassen. Das gehört vielleicht mit zu dem bleibenden Reiz der Figur – dass er mir in so vielem doch ferngeblieben ist. Auch die Figuren, für die ich mich am stärksten erwärmt habe, sind mir nicht unbedingt durchsichtig geworden, zu keinem habe ich ein Duzverhältnis. Das ist mir wichtig. mich stört an Biographien oft das Kumpelhafte. Die, mit denen ich mich beschäftigt habe, sind mir, in einer auch ästhetisch erheblichen Weise, distant geblieben.

Mir wiederum kam die Figur von Adolf Reichwein sehr nahe, dem sozialdemokratischen Bildungspolitiker und späteren Widerständler.

Eine ungeheuer interessante Gestalt. Er ist von vielen Stilelementen her der Typus des „Arbeiters“, wie ihn Ernst Jünger beschrieben hat. Durchweg technisch modern. Mit dem kleinen Flieger, mit dem er unterwegs ist . . .

Und er vertritt als Sozialdemokrat die Arbeiterklasse . . .

Weitere Themen

„Parasite“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Parasite“

„Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

Topmeldungen

EU-Unterhändler Michel Barnier

Europäische Union : Hoffnung auf Gipfel-Deal zum Brexit

Die EU und Großbritannien sind deutlich vorangekommen – und trotzdem ist ein neuer Brexit-Vertrag beim Treffen der Staats- und Regierungschefs in Brüssel noch keine ausgemachte Sache. Es steht ein schwieriger Gipfel bevor.
Sandra Maischberger

TV-Kritik „Maischberger“ : Durcheinander als Unterhaltung

Nun wird Sandra Maischberger künftig mehrere Themen einer Woche aufgreifen und in wechselnder Besetzung erörtern. Auch der neue Anlauf wirkt nicht überzeugend. Das gilt für das Arrangement ebenso wie für die Details.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.