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Identität im Netz : Wo ist zuhause, Mama?

  • -Aktualisiert am

Soziale Netzwerke sind an der Identitätsbildung beteiligt Bild: dpa

Trägt das Internet dazu bei, nationale Identitäten auszulöschen? Soziologen haben herausgefunden, dass Patriotismus und Weltläufigkeit sich überhaupt nicht ausschließen.

          Persönliche Identität, darauf hat schon der amerikanische Soziologie George Herbert Mead hingewiesen, ist uns nicht in die Wiege gelegt, sie „entsteht innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses“. Identität ist das Ergebnis sozialer Kooperation und Kommunikation. Einen Sonderfall sozialer Kommunikation stellen die Medien dar. In ihren verschiedenen Nachrichten- und Unterhaltungsformaten vermitteln Medien nicht nur Information, Spiel, Spaß und Unterhaltung, sondern immer auch die Normen und Werte einer Gesellschaft - sowohl die tatsächlichen als auch die erwünschten.

          Damit tragen die Medien nicht nur zur Ausbildung persönlicher Wertesysteme bei, sondern auch zu der Art und Weise, wie sich das Individuum mit Gemeinschaften identifiziert; angefangen beim Sportverein bis hin zur jeweiligen Nation, dem bedeutendsten überregionalen Identifikationsangebot. Dabei reicht das Spektrum möglicher Identifikation von Ablehnung und Verleugnung bis zur Reduktion der eigenen Identität auf das Nationale. Davon zu trennen ist die Bewertung der eigenen Nation. Zumindest die jüngere deutsche Geschichte hat gezeigt, dass Identifikation mit der eigenen Nation durchaus mit deren kritischer Beurteilung oder Gleichgültigkeit mit einer im Grunde positiven Einschätzung einhergehen kann. Hinzu kommt, dass sich das Individuum auch mit Einzelbereichen nationaler Selbstdarstellung identifizieren kann, der Kulturgeschichte etwa oder bestimmten sportlichen Leistungen.

          Nationalisten engagieren sich weniger

          Zugleich ist das Nationale und seine Identifikationskraft brüchig geworden: Mobilität, weltweite Migration, überregionale politische Gebilde und die durch das Internet veränderte mediale Kommunikation sind dafür nur die offensichtlichsten Beispiele. Angesichts dieser Entwicklung wurden in der vergangenen Woche auf einer Tagung an der Universität Wien unter dem Titel „Identität - Diversität - Integration“ die Formen nationaler Identifikation ebenso diskutiert wie deren Wandel und die Rolle der Medien bei diesem Prozess.

          In ihrem Eröffnungsvortrag stellte Leonie Huddy (New York) die emotionspsychologischen Aspekte nationaler Identifikation und ihrer unterschiedlichen Ausformungen dar. Zunächst verwies die Politikwissenschaftlerin auf die evolutionsbiologischen Vorteile von Gruppen und von Identifikation des Individuums mit ihnen. Auch nationale Identitätsbildung sei erst einmal positiv, da sie Kooperationen ebenso fördere wie die Ausbildung sozialverträglicher Normen. Unter nationaler Identifikation versteht Leonie Huddy zunächst das Bekenntnis, Angehöriger einer Nation zu sein. Patriotismus gehe darüber hinaus mit positiven Gefühlen wie Stolz und Liebe einher, wobei diese Emotionen durch nationale Eigenarten bestimmt seien, also auch andere Akzentuierungen annehmen könnten.

          Nationalismus schließlich beziehe sich kritiklos auf eine willkürliche Auswahl angeblicher nationaler Eigenschaften und gehe meist mit einem großen Autoritätsglauben einher. Auffallend sei jedoch, so Leonie Huddy, dass mit steigender Radikalität des Nationalismus die Bereitschaft abnehme, sich für das Gemeinwesen einzusetzen. Nationalisten, so zeigten Untersuchungen, engagierten sich weniger, protestierten weniger und wählten seltener.

          Patriotismus als soziales Basisphänomen

          Dass Nationalisten meist ängstliche Charaktere sind und sich im Konfliktfalle stärker attackiert fühlen, ist hingegen weniger überraschend. Patriotismus, so Leonie Huddy, sei hingegen in der Lage, negative und feindselige Gefühle wie etwa nach den Terroranschlägen vom September 2001, aufzufangen.

          Es gehört zu den methodischen Problemen der Identitätsforschung, dass sie nicht unbeeinflusst von den jeweiligen nationalen Identitäten ist. Für die Amerikanerin Leonie Huddy unterscheiden sich Patriotismus und Nationalismus vor allem durch ihre Radikalität. Wissenschaftler aus dem deutschen oder österreichischen Kontext definierten Patriotismus und Nationalismus hingegen inhaltlich. Demnach sind Nationalisten nicht einfach fanatischer als Patrioten, sie haben schlicht andere Werte. Jürgen Grimm (Wien) wies daher darauf hin, dass viele entsprechende Studien zur Zirkularität neigen: wenn Patrioten als Demokraten definiert werden, ist das Ergebnis, dass sie demokratischer als Nationalisten sind, wenig überraschend.

          In seinem eigenen Forschungsprojekt, das Grimm zusammen mit Peter Schmidt (Moskau) und Josef Seethaler (Wien) durchgeführt hat, legte der Wiener Soziologe daher einen weniger aufgeladenen Patriotismus-Begriff zugrunde, der lediglich auf eine gewisse Verbundenheit mit Land und Leuten, Geschichte und Symbolen abstellt. Das ermöglicht es, Patriotismus als soziales Basisphänomen aufzufassen und in Relation zu Nationalismus und Kosmopolitismus zu setzen.

          Nationale Identitäten lösen sich auf

          Fasst man das Ergebnis von Grimms Studie zusammen, so zeigt sich ein erstaunlicher Zusammenhang von Patriotismus und Kosmopolitismus: je enger die Menschen sich mit den Mitgliedern ihrer eigenen Gruppe verbunden fühlen, umso offener sind sie scheinbar für Mitglieder anderer Gruppen. Zugleich zeigten die Werte von Grimm, dass das gemeinsame Auftreten von Patriotismus und Nationalismus Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit Vorschub leistet. Gleiches gilt für das Gegenteil, also die Unfähigkeit, sich mit der eigenen Nation zu identifizieren und ihr einen Wert zuzusprechen. Da Menschen mit geringer Identifikationsleistung zudem normativ haltloser sind, sind sie leichter durch Medien zu beeinflussen und erweisen sich als anfälliger für Vorurteile.

          Aus diesem Grund trägt auch das Internet mitnichten dazu bei, nationale Identitäten aufzulösen. Bernadette Kneidinger (Wien) machte im Gegenteil deutlich, wie die nationale Selbstdarstellung gerade in sozialen Netzwerken ungleich pointierter und konturierter erfolge als in traditionellen Medien. Die Zukunft ist nicht das globale Dorf, wie noch Marshall McLuhan orakelte, es sind eher die globalen Dörfer.

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