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Hugh Trevor-Roper : Das Werk des Historikers und die Überraschungen im Nachlass

Hugh Trevor-Roper 1983 Bild: Foto dpa

Aufklärung geschichtlicher Mythen betrachtete er als sein Hauptgeschäft - tragikomisch war es, dass gerade er auf die gefälschten Hitler-Tagebücher hereinfiel.

          5 Min.

          Der Eintrag über Hugh Trevor-Roper im „Blackwell Dictionary of Historians“ aus dem Jahre 1988 stammt von Peter Burke. Der Kulturhistoriker vom Emmanuel College in Cambridge, selbst Verfasser zahlreicher essayartiger kleiner Schriften, nannte es bedauerlich, dass Trevor-Roper, der damals vierundsiebzig Jahre alt war und gerade das Rektorat von Peterhouse in Cambridge niedergelegt hatte, seine intellektuelle Energie verschleudert habe, statt die große Untersuchung über Politik und Kultur im Europa des siebzehnten Jahrhunderts vorzulegen, die auszuarbeiten er fähig sei. Als Autor, der den Streit zu suchen scheine, sei er oft am brillantesten, wenn auch nicht am scharfsichtigsten, wenn er über Individuen und Gruppen schreibe, die er nicht möge – Erzbischof Laud, Hitler, den Klerus, die Schotten.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          In der „London Review of Books“ vom 22. Mai hat Colin Kidd, Professor der Geschichte in Glasgow und Fellow des All Souls College in Oxford, eine Rezension des publizierten Nachlasses von Trevor-Roper veröffentlicht, die Burkes Urteile bestätigt und korrigiert. In der Mayerne-Biographie möchte Kidd das lange vermisste Hauptwerk zum siebzehnten Jahrhundert erkennen, da in der Person dieses Hofarztes sich die Linien von Diplomatie, Konfessionspolitik und Gelehrsamkeit schneiden. Die soeben erschienenen Vorlesungen über die Erfindung Schottlands, die Trevor-Roper 1980 in Atlanta hielt und selbst für den Druck erweitert und eingerichtet hatte, der dann unterblieb, lobt Kidd als brillant – und als scharfsichtig.

          In seiner Dissertation über die schottischen Whig-Historiker hat Kidd sich mit der ersten der drei von Trevor-Roper traktierten Epochen schottischer Nationallegenden beschäftigt, der Liste der vierzig schottischen Könige des Altertums, denen der humanistische Erzieher des späteren Königs Jakob VI. (und I. von England) und neulateinische Dichter George Buchanan zu einem Zeitpunkt kritische Legitimität verschaffte, als andere Nationen sich aus der Kindesbefangenheit ihrer mittelalterlichen Gründungsmythen lösten. Buchanan bewies mit den Märchen von den Rebellionen gegen die Bösen unter den Königen der Urzeit die Existenz einer alten, aristokratisch-quasirepublikanischen schottischen Verfassung.

          Der dritte Abschnitt des Buches ist aus Eric Hobsbawms berühmtem Sammelband „The Invention of Tradition“ bekannt: Trevor-Roper erzählt, wie es dazu kam, dass Georg IV. bei seinem von Sir Walter Scott organisierten Besuch in Edinburgh 1822 in einer Tracht Hof hielt, die, wie der Historiker Macaulay später witzig bemerkte, vor der Union der Königreiche neun von zehn Schotten für die Kleidung eines Diebes gehalten hätten. Macaulay, der große englische Whig-Historiker, den Trevor-Roper gegen den Vorwurf des Philistertums verteidigt hat, stammte selbst von Hochländern ab. Trevor-Roper ist in Northumberland aufgewachsen, an der Grenze zu Schottland, und war mit einer Schottin verheiratet, der Tochter des Feldmarschalls Haig. Jahrzehntelang verbrachte er die Universitätsferien in dem Haus, das Scott, dessen Stil zivilisationshistorischer Sittenmalerei Macaulay in die Historiographie übertrug, für seine Tochter und seinen Schwiegersohn und Biographen Lockhart gebaut hatte.

          Die Briefe an Berenson sind voll von boshaften Beschreibungen der barbarischen Sitten der Schotten – für den Editor Davenport-Hines wahrscheinlich Hauptbelege der von ihm gerühmten Ironie des Epistolographen, wobei man sich allerdings wie bei den Invektiven gegen andere Gruppen wie die Katholiken und die Deutschen fragt, was genau ironisch im Sinne von nicht ernst gemeint sein soll. Das postum von Jeremy Cater edierte Buch hätte der Schlussstein der mit der Erhebung ins Oberhaus belohnten publizistischen Kampagne Trevor-Ropers gegen das schottische Streben nach Selbstregierung sein sollen. Heute ist das von Trevor-Roper abgelehnte Parlament in Edinburgh Wirklichkeit, und es spricht einstweilen immer noch nichts gegen die von ihm in Übereinstimmung mit der whiggistischen Historiographie seit der schottischen Aufklärung artikulierte Überzeugung, dass die Union der Parlamente der Motor des Fortschritts in Schottland war. Eine nationale Identität eines unabhängigen Schottland, so die in charakteristischer Schroffheit ausgesprochene Botschaft des Buches, könnte nur auf Fiktionen basieren.

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