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Hölderlin-Symposion in München : Seher ist kein geschützter Beruf

Der „Hölderlinturm“ in Tübingen am Neckar: Zurückgezogen verbrachte der Dichter hier 36 Jahre seines Lebens

Der „Hölderlinturm“ in Tübingen am Neckar: Zurückgezogen verbrachte der Dichter hier 36 Jahre seines Lebens Bild: ddp

Dieter Henrich zum 85. Geburtstag: Eine Münchner Tagung über Hölderlin betrachtete den Dichter auch außerhalb des literarischen Kontextes.

          4 Min.

          Hölderlin isch ed färrughd gwäh!“ So stand es 1982 in Tübingen an eine Häuserwand gesprayt. Für Fremdsprachler: das schwäbische „ed“, je nach Region auch „id“, ist die Negationspartikel (“Warum ischd etwas un id vielmär nix?“). Dass Friedrich Hölderlin nicht verrückt gewesen ist, hatte vier Jahre zuvor der Germanist Pierre Bertaux mit seiner These vom „edlen Simulanten“ behauptet. Der Dichter habe als Gesuchter in einem Hochverratsprozess 1805 Zerrüttung nur vorgespielt - 38 Jahre lang die Welt auf Distanz haltend, bis zum Tod 1843. Das entspricht nicht mehr dem Kenntnisstand; die 1993 publizierten Pflegschaftsakten Hölderlins beseitigten Zweifel an einer Krankheit. Doch als Versuch, auch die letzte Lebensperiode Hölderlins noch als Werk zu deuten, reihte jene These sich fugenlos in die Wirkungsgeschichte dieses Dichters ein.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Das war den Vorträgen des Symposions „Hölderlin in der Moderne“ zu entnehmen, das gerade in der Münchner Carl Friedrich von Siemens Stiftung zum 85. Geburtstag des Philosophen Dieter Henrich ausgerichtet wurde. Ob sie von der Hölderlin-Anbetung im George-Kreis handelten oder von Heideggers und Adornos Zugriffen auf ihn: nie war dieser Dichter nur ein Schriftsteller. Stets stand er für etwas jenseits von Literatur.

          Was Heideggers Deutung ausließ

          „Wenn der Jüngling auf und nieder ging unter den Genossen des Tübinger Stifts, war es, als schritte Apollon durch den Saal“, meinte schon Wilhelm Dilthey zu wissen, der 1906 in „Das Erlebnis und die Dichtung“ eine erste ausführliche Lebens- und Werkbeschreibung Hölderlins gab. An ihr zeichnete Friedrich Vollhardt (München) die anhaltende Schwierigkeit nach, das Außerordentliche zu psychologisieren. In ihr fällt auch das Wort „Seher“, das lange die Hölderlin-Kommentare bestimmte. „Seher sein ist ein echter Beruf“, zitierte Christoph Jamme (Lüneburg) den George-Germanisten Friedrich Gundolf, der stundenlang über Hölderlin reden konnte, ohne ein einziges Argument zu benutzen. Man schwärmte, wenngleich der Ton ziemlich eisern war. Ein Held, ein Halbgott, ein Führer, ein Dichter des geheimen Deutschland, für seine Zeit zu früh gekommen, darum unverstanden, aber auch zu spät, weil aus einer Epoche stammend, in der die Götter noch da waren, ein Rufer.

          Der Philosoph Jamme (Lüneburg) wie der Germanist Gerhard Kurz (Gießen), der über Heideggers Hölderlin vortrug, zitierten das alles ellenlang, obschon es nicht gerade unbekannt ist, und fügten kaum ein Wort hinzu. Kurz erwähnte immerhin, was in Heideggers Deutung alles an Motiven entfallen musste: Liebe, Christentum, Vernunft, Revolution, die Teilhabe am Idealismus. Und Jamme unterstrich noch einmal die Bedeutung Norbert von Hellingraths, der die erste kritische Hölderlin-Ausgabe herausgegeben hatte und Hölderlin in seiner Dissertation einem fast strukturalistisch zu nennenden Studium unterzog. Doch dass die Einlassungen von Gundolf bis Heidegger in ihrer reinen Meinungshaftigkeit keinerlei Erkenntnis versprechen und nahe an unfreiwilliger Komik sind, dafür fand sich kein Wort.

          Mit dem Diktum „Das Andenken ist ein Grüßen“ wurde Heidegger zitiert, aber auch: „Das Grüßen ist ein An-denken, dessen geheimnisvolle Strenge das Gegrüßte und den Grüßenden in die Ferne ihres eigenen Wesens zurückbringt.“ Leicht könnte man hiervon auch das Gegenteil behaupten, in Hölderlins Text steht von all dem sowieso nur die Wendung „grüße die Garonne“ sowie der Gedichttitel „Andenken“. Doch abgesehen davon, wieso nur ist die Strenge geheim, und wie vermag sie es, einen Fluss in was für ein Wesen denn zurückzubringen? Die Demographie der Tagung enthob die Vortragenden der Pflicht, ihre kunstreligiösen Zitate jungen Germanistinnen verständlich zu machen, aber es wäre wohl auch vergeblich gewesen. Auch mangels Thesen.

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