https://www.faz.net/-gqz-yemj

Hirntod : Ist die Organspende noch zu retten?

  • -Aktualisiert am

Bereits vor vierzig Jahren beklagte Hans Jonas den Hautgout einer auf die Interessen der Transplantationsmedizin ausgerichteten Definition des Todes. Die President's Commission gesteht, dass dies ein Ziel ihrer Neudefinition sei. Doch jetzt ist die neue Begründung kein empirisch nachprüfbares Faktum mehr, sondern eine naturphilosophische Setzung. Ohne solche Setzungen sei der Hirntod nicht zu haben, meint John Lizza. Der Tod trete dann ein, wenn die psychophysische Einheit zerbreche. Und dieser Punkt sei erreicht, wenn das Gehirn so schwer geschädigt sei, wie es bei Vorliegen der neurologisch gefassten Kriterien des Hirntods der Fall sei. Allerdings rät er, die Diagnostik unter Einschluss neuer Methoden zu verfeinern.

Bioethische Kollateralschäden

Eine andere Alternative wäre es, die Regel aufzugeben, die vorschreibt, Organe nur von Toten zu entnehmen. Diese Dead Donor Rule sei allenfalls Augenwischerei, meinen Frank Miller von den amerikanischen National Institutes of Health und Robert Truog, Kinder-Intensivmediziner an der Harvard Medical School. Die Anforderung werde ohnehin vielfach unterlaufen, etwa in den Fällen der sogenannten Non-heart-beating-Donors. Bei ihnen werden die Organe nur wenige Minuten nach Eintreten des Kreislaufstillstands entnommen. In einigen Ländern ist dies zulässig, in Deutschland verboten. Zu Recht fragte kürzlich der Philosoph Don Marquis von der Universität Kansas, warum Personen, unmittelbar nachdem das Herz zu schlagen aufhöre, als tot gelten sollen, wenn man sie doch wiederbeleben könne? Eben das sei ein weiterer Grund, sich von der Dead Donor Rule zu verabschieden, behaupten Miller und Truog.

Doch der Abschied ist nicht ohne bioethische Kollateralschäden zu haben. Denn wenn Organspender zum Zeitpunkt der Entnahme noch lebten, dann wäre dies aktive Sterbehilfe, worauf Sabine Müller zu Recht hinweist. Organentnahme kompromittierte dann die professionelle Ethik. Zu sedieren wären nicht nur die Spender, sondern auch das ärztliche Gewissen. Die Bioethiker um Joseph Verheijde sprechen vom ärztlich assistierten Tod bei der Organentnahme und erhoffen sich eine intensive Diskussion unter Beteiligung der Vertreter der großen Religionsgemeinschaften. Im Jahre 2008 hat Papst Benedikt XVI. die Entnahme lebender Organe „ex cadavere“ zum Zwecke der Transplantation ausdrücklich gutgeheißen - mit der Einschränkung, wenn man sicher sein könne, dass die Betroffenen tot seien.

Wird der Hirntod Anlass für unerwartete biopolitische Bündnisse sein? Der Versuch, ihn naturwissenschaftlich zu fundieren, ist gescheitert. Darauf hat der Hirnforscher Gerhard Roth bereits in der Anhörung zum Transplantationsgesetz hingewiesen. Wenn es um brisante Themen der Biopolitik wie die Embryonenforschung geht, werden Philosophen, die naturphilosophische Argumente vortragen, ebenso wie Theologen oft als Ewiggestrige verunglimpft. Im Falle des Hirntods könnte sich das ändern. Vielleicht ist er anders tatsächlich nicht zu retten.

Weitere Themen

Topmeldungen

Klimaaktivisten von Fridays for Future auf einer Demonstration im September in Frankfurt

Hanks Welt : Mehr Diktatur wagen?

Sollen wir unsere ordnungspolitischen Prinzipien über Bord werfen und den Klimawandel so autoritär bekämpfen wie die Pandemie?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.