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Hirntod : Ist die Organspende noch zu retten?

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Zudem ist die Feststellung des Hirntods mit einer Reihe von Unsicherheiten behaftet. Joseph Verheijde, Mohamed Rady und Joan McGregor von der renommierten Mayo Clinic bezweifeln, dass die etablierten Richtlinien geeignet sind, einen irreversiblen Schaden des Gehirns mit hinreichender Sicherheit zu konstatieren. Gehirne von für hirntot erklärten Patienten wiesen nicht alle die erwarteten schweren Schäden auf. In Deutschland gelten für die Hirntoddiagnostik die Kriterien der Bundesärztekammer. Eine apparative Untersuchung ist nur bei Kindern bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr vorgesehen. Die in den übrigen Fällen als ausreichend erachtete klinische Diagnostik erfasst nur Teilbereiche des Gehirns. Funktionen des Mittelhirnes, des Kleinhirns und des Cortex würden gar nicht untersucht, gibt die Physikerin und Philosophin Sabine Müller von der Charité in Berlin zu bedenken.

Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren wie der Positronenemissionstomographie oder der funktionellen Magnetresonanztomographie an Patienten mit schweren Bewusstseinsstörungen lassen an der Behauptung des irreversiblen Ausfalles aller Hirnfunktionen zweifeln. Je empfindlicher die Methode, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich Aktivitäten in einzelnen Arealen des Gehirnes finden lassen. Doch gibt es bislang nur wenige aussagekräftige Untersuchungen zum Wert der neuen Methoden für die Feststellung des Hirntodes. Zudem sind sie nur an wenigen Orten, schon gar nicht in kleineren Kliniken und zu jeder Zeit verfügbar.

Das Konzept des Hirntods ist unerlässlich für die Transplantationsmedizin. Fällt es, kann sie ihre Tore schließen. Denn es genügt nicht festzustellen, dass Personen bei Vorliegen der bisher als Hirntod bezeichneten Befunde sich nicht mehr erholen können und der Abbruch unterstützender, das Leben erhaltender Maßnahmen spätestens jetzt angezeigt ist. Es ist eines, wenn Personen dem christlichen Ideal folgen und ihr Leben für ihre Freunde hingeben. Es ist ein anderes, zur Rettung eines Menschen einem Dritten Organe herauszuschneiden, von dem offenbar nicht jedermann sicher ist, dass er auch tot ist.

Tote, die man wiederbeleben kann

Daher die Anstrengungen, den Hirntod am Leben zu halten. Die President's Commission will ihn mehrheitlich nicht aufgeben. Sie glaubt, das Argument zur Rechtfertigung müsse bloß ergänzt werden. Hirntote zeigten, so heißt es jetzt, wohl eine nach innen, auf den Organismus als Ganzes gerichtete Integration. Doch fehle die Integration in die Umwelt. Die Kommission konstituiert ein „philosophisches Konzept der natürlichen Seinsweise organismischen Lebens“. Das Leben sei erloschen, wenn neben der gesamten Hirnaktivität die Atemtätigkeit ausfalle.

Diese Neudefinition wurde bereits heftig kritisiert. John Lizza weist auf Widersprüche hin, die sich etwa im Umgang mit Personen im Wachkoma ergeben. Sabine Müller stellt fest, dass nach dieser Definition Embryonen keine Lebewesen seien, andererseits das System der Verdauungsorgane aber bereits als ein vollständiger Organismus anzusehen sei. Es hat ein Nervensystem, ist für äußere Reize durch Nahrungsstimuli empfänglich, kann Nahrungsstoffe selektieren und ausscheiden.

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