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Henning Ritter ist gestorben : Ein europäischer Denker

Henning Ritter (20. Juli 1943 bis 23. Juni 2013) Bild: Frank Röth

Er war leitender Redakteur der F.A.Z. für fast ein Vierteljahrhundert und Erfinder ihrer Rubrik Geisteswissenschaft. Und mehr als das: Henning Ritter, der am Sonntag im Alter von 69 Jahren gestorben ist, war ein europäischer Denker.

          Der Mann, der am Sonntag, weniger als einen Monat vor seinem siebzigsten Geburtstag, in Berlin gestorben ist, war nicht nur ein Ausnahmeintellektueller, sondern auch einer der wichtigsten Redakteure, die die F.A.Z. in ihrer Existenz gehabt hat. Denn Henning Ritter hat mit der Rubrik „Geisteswissenschaften“, die er 1985 begründete und bis zum Eintritt in den Ruhestand 2008 auch verantwortete, ein ganz neues journalistisches Kapitel aufgeschlagen, aus dem in den Folgejahren viele andere Blätter Anregungen für eigene Aktivitäten entnommen haben. Aber niemand von ihnen hatte jemanden wie Henning Ritter.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Er war ein Redakteur der alten Schule: der sorgfältigste Gegenleser, den man sich denken, und der einfallsreichste Gesprächspartner, den man sich wünschen konnte. Und er war der Beweis dafür, dass man kein abgeschlossenes Hochschulstudium brauchte, um intellektuell brillant zu sein. Der 1943 geborene Sohn des Philosophen Joachim Ritter studierte zwar Kunstgeschichte, Philosophie und Altphilologie, arbeitete an der Freien Universität als Tutor für den legendären Jacob Taubes, war eine feste Größe im geistigen Westberlin der späten sechziger und der siebziger Jahre, übersetzte Rousseau (und das großartig), aber die akademische Karriere, für die er prädestiniert schien, die schlug er nicht ein.

          Schlaglicht, nicht System

          Stattdessen wurde Ritter zum Mittel- und Verknüpfungspunkt eines neuen philosophischen und historischen Denkens, das sich vor allem im Austausch mit Frankreich entwickelte. Noch in seinem Buch „Notizhefte“, in dem er 2010 eine Auswahl aus seinen Gedankensplittern der vergangenen Jahrzehnte zusammentrug (seine Kollektion von Karteikarten mit entsprechenden Einträgen war das Staunen der Feuilletonredaktion), waren Frankreich und konkret das achtzehnte Jahrhundert die Fixpunkte seines ästhetisch-literarischen Blicks auf die Welt. Nicht an der Schaffung eines Systems war er als Autor dabei interessiert, sondern an den Schlaglichtern, die zentrale Ereignisse und Überlegungen aufblitzen ließen. So wies er den Weg, damit andere ihn ausschreiten mochten; er selbst war schon neugierig aufs nächste Phänomen.

          Die Reihe seiner Bücher war erst 2000 dichter geworden, als „Die Fassaden am East River“ erschien, ein Buch in der Nachfolge Tocquevilles mit einer Perspektive auf Amerika, die ein Jahr später mit den Attentaten vom 11. September beklemmende Aktualität bekam. Fortan publizierte Ritter regelmäßig auch Bücher. Seine Themen dabei waren das Mitleid, die Grausamkeit und die großen abendländischen Denker, von denen er nicht wenige der jüngeren selbst gekannt hatte, wie Carl Schmitt oder Hans Blumenberg. Mit ihnen hatte er in stetem Austausch gestanden. 2005 erhielt er auf Vorschlag des alleinigen Jurors Michael Krüger den Ludwig-Börne-Preis.

          Im Ruhestand zog Ritter wieder zurück nach Berlin, der Stadt, die ihn vor vierzig Jahren inspiriert hatte und die er nun von Neuem als Herausforderung ansah. Wenn man ihn traf, merkte man ihm an, was für ein Vergnügen er an den Anregungen durch ein sich ständig wandelndes intellektuelles Umfeld hatte. Dann erkrankte er schwer. Den kurzen Kampf gegen die Krankheit hat er nun verloren.

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