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Heiner Müller heute : Arbeit am Bösen

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Heiner Müller dachte die Grenzen des Theaters weiter. Eine internationale Tagung an der Frankfurter Goethe-Universität widmete sich nun seinen Ideen. Bild: dpa

Wo liegen die Grenzen des Theaters, was geschieht an seinen Rändern und wie verändert sich unser Verständnis des Theaters? Fragen wie diese standen im Mittelpunkt der Tagung zum „Theatre of the A-Human“ an der Frankfurter Goethe-Universität.

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          Heiner Müller gilt, nach Bertolt Brecht, als einer der wichtigsten deutschen Dramatiker des vergangenen Jahrhunderts. 1995 starb er im Alter von 66 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war er längst über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt, und auch die Forschung – Philosophen, Theater- und Literaturwissenschaftler – hatte mit der Erschließung seines Werkes begonnen. Aus Anlass seines zwanzigsten Todesjahres beschäftigte sich nun eine internationale Tagung an der Frankfurter Goethe-Universität unter dem Titel „Theatre of the A-Human“ mit den Grenzen des Menschlichen in Müllers Werk.

          Heiner Müller als Kronzeuge für einen neuen Theaterbegriff

          Geladen hatte die Frankfurter Theaterwissenschaft im Rahmen der Friedrich Hölderlin-Gastprofessur für allgemeine und vergleichende Dramaturgie. Frankfurt sei für eine solche Konferenz ein idealer Ort, so Nikolaus Müller-Schöll, Professor für Theaterwissenschaft an der Goethe-Universität, da das Werk Müllers sowohl in der Theaterwelt als auch in der universitären Sphäre der Stadt seinerzeit mit Begeisterung angenommen und diskutiert worden sei.

          Auch wenn der Titel des Symposions den Anschein vermitteln mochte, dass das Schaffen des Dramatikers im Mittelpunkt stehen würde, stellte Müller-Schöll in seiner Eröffnungsrede klar, dass man Heiner Müllers Arbeit eher als Ausgangspunkt für allgemeinere kritische Überlegungen über das moderne Theater nehmen wolle. Diesem Gedanken folgend, drehte sich das Symposium um einen Aspekt, den der Dramatiker in all seinen Arbeiten immer wieder berührte, jedoch nie abschließend behandelte: die Frage nach dem A-Humanen und den Grenzen des Theaters. Doch genau dieses A-Humane, das zeigte die Konferenz, ist ein flüchtig Ding, das auf vielfältige Art und Weise verstanden werden kann.

          Ausgehend von der Beschäftigung des Post-Humanismus mit dem „Anderen“ könne das A-Humane, wie Matthias Dreyer (Frankfurt) ausführte, beispielsweise als das Tierhafte im Menschen gedacht werden, ein Einfluss, der sich, wie die Literaturwissenschaftlerin Marianne Schuller (Hamburg) glaubt, etwa in den Figuren Kafkas finde, bei denen die Grenze zwischen Tierischem und Menschlichem verschwinde. Gleichzeitig, so Dreyer, sei das A-Humane eine Herausforderung für die klassischen Raumordnungen des Theaters. Wenn sich dieses von der Zentralperspektive des Theatersaales abwende, rückten eine Vielzahl a-humaner Akteure wie Tiere, Pflanzen oder die Umgebung in den Blick.

          Das „A-Humane“ als das Nichtmenschliche

          Andere Vortragende wie Esa Kirkkopelto (Helsinki) interessierten sich für das A-Humane als das Nichtmenschliche im Theater. Durch die Verlagerung von Performances in natürliche Räume und die vermehrte Einbeziehung von nicht-menschlichen Faktoren in Theaterstücke, etwa den Tieren, gewännen diese unkontrollierbaren, a-humanen Einflüsse für die Art, wie man über das Theater denke, an Bedeutung. Fragen, wie man diese Einflüsse zu bewerten habe, seien deshalb für die moderne Theaterforschung von enormem Interesse.

          Dass das A-Humane auch als Gegenentwurf zum humanistischen Verständnis des Vernunftmenschen verstanden werden kann, betonte Müller-Schöll. Dessen Theaterstück „Der Horatier“ könne als a-humaner Gegenentwurf zu Brechts „Die Horatier und die Kuriatier“ begriffen werden. Während Brecht um eindeutige Zuweisungen von Gut und Böse bemüht sei, löse Müller jede Form der Klarheit auf. Anstelle von bestimmbaren gegensätzlichen Positionen entstehe ein Spannungsfeld, in dem die Gesellschaft und die Protagonisten zu verorten seien. Das Theater werde damit zu einer „Arbeit am Bösen“, am A-Humanen, da es die widerstrebenden Tendenzen in den Handlungen eines jeden Einzelnen zeige und den Zuschauer mit Situationen konfrontiere, die er kaum auszuhalten vermag, auch weil er um deren Realität in seinem Inneren weiß.

          Ihren Abschluss fand die Konferenz in einer grundsätzlichen Verhandlung konkurrierender Theaterbegriffe. Der Pariser Theaterwissenschaftler Denis Guénoun wandte sich in einer scharfen Polemik gegen die Vorstellung eines Theaters des A-Humanen. Er könne sich nicht vorstellen, dass es ein vom Menschen unabhängiges Theater gebe oder es in dieser Form gedacht werden sollte. Das Theater sei durch den Menschen bestimmt, und was darüber hinausgehe, könne man im engeren Sinne nicht mehr als Theater auffassen. Diesem konservativen Theaterbegriff stand die Auffassung vieler Teilnehmer gegenüber, dass eine Beschäftigung mit dem A-Humanen als Ausgangspunkt für eine fruchtbare Erweiterung des Theaterbegriffs dienen könne.

          Es gelte, auch die Ränder des Theaters zu betrachten und die im Zuge der Aufklärung verlorenen a-humanen Elemente wiederzuentdecken. Anstelle einer Verengung stünde dann ein pluralistischer Theaterbegriff, der auch jene Elemente zu fassen bekäme, die im traditionellen Theater keinen Platz finden.

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