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Heidegger-Konferenz : So sieht Denken aus

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Ein weltanschaulich Getriebener

Auf die mehrfach geäußerte Kritik an dieser Unterstellungsphilologie wurde oft dogmatisch geantwortet. Einen Hinweis auf Hannah Arendt konterte Faye mit dem Argument, Arendt sei „keine Autorität“. Überhaupt fiel auf, dass die radikalen Heideggerkritiker sich nicht nur im Recht wähnten, sondern, wenn nötig, auch ins Recht setzten. Als Richard Wolin aus Zeitmangel drohte, in einer Diskussion nicht mehr zu Wort zu kommen, entriss der Journalist Eggert Blum dem verdutzten Moderator kurzerhand das Mikrofon und reichte es Wolin mit der Bemerkung, dieser sei schließlich „ein sehr wichtiger Teilnehmer“ der Tagung. Habermas hin, Diskursethik her, der zum VIP Geadelte ließ es sich gerne gefallen.

Wenn die Tagung einen Weg wies, dann den in die Empirie. Zu verdanken ist dies vor allem dem Historiker Christian Geulen (Koblenz) und der Literaturwissenschaftlerin Daniela Helbig (Sydney). In die Schwüle ewigen Deutelns und Paraphrasierens traf Geulens Vortrag wie ein Donnerschlag. Er stellte klar, dass die seit Jahrzehnten wiedergekäute Frage, wie viel Nationalsozialismus in Heidegger stecke, sinnlos ist. Unterstellt sie doch, man könne die Erforschung einer historischen Gesellschaft von beispielloser Komplexität und Dynamik durch eine Definition ersetzen. Als ließe sich die Form eines Sandkorns aus dem Begriff der Wüste ableiten. Ob der Antisemitismus der „Schwarzen Hefte“ nun als „seinsgeschichtliche“ Verirrung eher philosophisch oder als Ausdruck „eliminatorischen“ Hasses eher nationalsozialistisch zu deuten ist, wird zur Scheinfrage, wenn man weiß, dass die betreffenden Stellen zu jener Zeit geschrieben wurden, als die Radikalisierung der Judenpolitik von einer Verschärfung der antisemitischen Propaganda flankiert wurde. Heidegger, so die naheliegende These, hatte gar keine weltanschaulichen Überzeugungen. Er ließ sich vom politischen Diskurs treiben, dessen jeweils aktuelles Vokabular er sich philosophierend anverwandelte.

Dass Heidegger diesem Befund womöglich gar nicht widersprochen hätte, machte Daniela Helbig deutlich. Die Metapher des „Gedankengangs“ aufgreifend, zeigte sie, dass Heidegger seine Notate als einzigem Ordnungsprinzip der Chronologie unterwarf. Das „serielle Liegenlassen des roh Gedachten“ dürfe aber nicht als notizhaftes Vorstadium späterer Werke missverstanden werden. Vielmehr sei es Heidegger darum gegangen, das Produkt gegenüber dem Prozess herabzusetzen, um so den Bruch mit der Metaphysik auch performativ zu vollziehen. In der Form stecke die Botschaft: „So sieht Denken aus.“

Mit hintersinniger Ironie hatte die Regie Julia Ireland (Walla Walla) einen eindrucksvollen Vortrag halten lassen, in dem sie Heideggers Bemerkung, anlässlich seines Rücktritts vom Rektorenamt sei über das Gesicht des Studentenführers Scheel ein „Grinsen“ gehuscht, einem close reading à la Derrida unterzog. Von der anregenden Präzision, mit der Ireland diese Szene entschlüsselte und damit eine feine Trennlinie zwischen zwei bad boys zog, konnten die Heideggerexorzisten nur träumen. Gregory Fried (Boston) brachte die Differenz schließlich auf den Begriff. Den Befund, dass Heidegger Heraklits berühmtes Wort vom polemos mal im Sinne eines zu vernichtenden „Feindes“, mal im Sinne eines zur Selbstfindung unerlässlichen „Gegners“ auffasste, wendete er reflexiv: Soll Heidegger uns Feind oder Gegner sein? Lasst uns, hieß das, die Vernunft nicht als Besitz begreifen, mit dem wir uns identitär über Minderbegabte - Teheran! Moskau! - erheben, sondern als ein Vermögen, durch das wir uns denkend selbst befragen können. Mit Platon. Mit Descartes. Mit Kant. Mit Husserl. Mit Heidegger?

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