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Hans Blumenberg : Höhlendunkel oder Wie zu lesen sei

Die Schattenspiele in Platos Höhle auf einem Stich Jan Sanraedams nach einem Gemälde von Cornelis Corneliszoon van Haarlem, 1604. Bild: Wikipedia / Skraemer

Große Bücher und kleine Form: Eine Berliner Tagung widmet sich einigen Facetten im Werk des Philosophen Hans Blumenberg.

          Der Philosoph Hans Blumenberg war dem Konjunktiv, dem Indirekten und den Umwegen der Erkenntnis zugeneigt. Weshalb man gar nicht unbedingt erwartet, bei ihm direkt formulierte Bestimmungen des philosophischen Geschäfts zu finden. Es gibt sie aber durchaus, etwa im Auftakt zum letzten seiner großen Bücher, bevor er sich ganz auf die kleine Form zurückzog, den 1989 erschienenen "Höhlenausgängen". Philosophie heißt es dort, sei "der Inbegriff von unbeweisbaren und unwiderlegbaren Behauptungen, die unter dem Gesichtspunkt ihrer Leistungsfähigkeit ausgewählt worden sind". Diese Behauptungen könne man als Hypothesen verstehen, die freilich keine "Anweisungen für mögliche Experimente oder Observationen enthalten, sondern ausschließlich etwas verstehen lassen, was uns sonst als ganz und gar Unbekanntes und Unheimliches gegenüberstehen müsste".

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Das war mit Blick auf jenen "speläologischen ,Modellversuch'" formuliert, der die "Höhlenausgänge" einleitet: Der Versuch, die Anziehungskraft von Höhlenszenarien durch einen Rückgang in "anthropologische Zeitraumtiefe" zu verstehen; das notwendig spekulative Unterfangen, entscheidende Einschnitte in der frühen Gattungsgeschichte, ja sogar der ihr vorausliegenden Geschichte des Lebens fassbar zu machen. Blumenberg wollte von dort her die Funktion des Schutzraums der Höhle bestimmen, als Ort, an dem die Weichen für eine menschliche Kultur gestellt werden, die nicht mehr nur in der bedrängten Lebensfristung aufgeht.

          Als man sich jetzt am Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung mit Schwierigkeiten bei der Lektüre Hans Blumenbergs befasste, schwenkten die Beiträge oft auf die Frage nach dem Stellenwert von dessen anthropologischen Vergewisserungen ein. Womit nicht nur der Auftakt der "Höhlenausgänge" in den Brennpunkt geriet, sondern auch der zweite Teil der unter dem Titel "Beschreibung des Menschen" erst aus dem Nachlass publizierten und bis in die Mitte der siebziger Jahre - im Umkreis der Entstehung von "Arbeit am Mythos" - zurückgehenden Texte.

          Pini Ifergan (Jerusalem) ging dabei recht resolut zu Werke, indem er zuerst den Metaphorologen vom spekulativen Anthropologen Blumenberg abhob, um dann den einen im anderen fast bruchlos aufgehen zu sehen. Die gegen ihre begriffliche Auflösung resistenten und gerade deshalb für menschliche Weltbewältigung aufschlussreichen Metaphern oder Bildfelder wären dann letztlich nur ein weiterer Beleg für die von Blumenberg "anthropologisch" unterbaute Einsicht, dass sich der aus dem Rahmen passgenauer Einfügung in seine Umwelt herausfallende Mensch indirekte Weisen der halbwegs robusten Verortung in der Welt zurechtmacht.

          Philosophische Anthropologie

          Für ein solch übersichtliches Bild muss man freilich weit zurücktreten und wohl auch manchen Text unbeachtet lassen. Zuvörderst schon die Schwierigkeit, auf die Robert Buch (Sidney) mit Anmerkungen zum gar nicht so klaren Umriss der "Höhlenausgänge" hinwies. Zwar ist bei all den Bildern von Gefangenschaften, die auf die Auslegung von Platons Höhlengleichnis folgen, von Um- und Gegenbesetzungen die Rede. Aber das Modell der obsolet werdenden Antworten auf nicht zu sistierende Fragen, wie es Blumenbergs ursprüngliche Aufmerksamkeit für Metaphern grundierte, weicht einer idiosynkratischen ideengeschichtlichen Reihung, in der ironisch-skeptische Akzentsetzungen und Parteinahmen nicht nebensächlich sind.

          Blumenbergs Überlegungen zur Frühgeschichte des Menschen hatte auch Rebekka Klein (Halle-Wittenberg) im Blick. Man solle sie, so lautete ihr Plädoyer, durchaus und gegen einige neuere kulturwissenschaftliche Anverwandlungen Blumenbergs auf der von Autoren wie Helmuth Plessner, Max Scheler und Arnold Gehlen eröffneten Bahn der philosophischen Anthropologie lesen: als Begründung, warum von einer kulturellen Natur des Menschen genauso wie von einer natürlichen Kultur die Rede sein könne. Darin stimmte ihr auch Angus Nicholls (London) zu, der ebenfalls auf Blumenbergs Streifzüge durch paläoanthropologische, verhaltensbiologische und auch neurowissenschaftliche Literatur hinwies - und sich die Rolle eines Zeugen, nämlich Paul Alsbergs, etwas genauer ansah.

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