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: Gott hört sich nicht mehr an wie fernes Donnergrollen

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"Mein Stifter" hat der Schriftsteller Arnold Stadler seinen Beitrag zum Stifter-Jahr genannt. Das bei DuMont erschienene Buch ist als Essay etikettiert. Was Stadler versucht, ist in der Literaturwissenschaft als Reduktionismus verpönt.

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          "Mein Stifter" hat der Schriftsteller Arnold Stadler seinen Beitrag zum Stifter-Jahr genannt. Das bei DuMont erschienene Buch ist als Essay etikettiert. Was Stadler versucht, ist in der Literaturwissenschaft als Reduktionismus verpönt. Er will die Einheit von Leben und Werk aufweisen und meint das so wörtlich, daß er den Rasiermesserschnitt mit Todesfolge, den Stifter sich am 26. Januar 1868 zufügte, als Schlußstrich verstehen möchte. Stadlers Interpretation will durch ihre gewaltsamen Züge beglaubigt werden. Der Deuter übernimmt das Verfahren des Dichters, der seine Passion mit aller Gewalt unterdrückt haben soll. Der "Nachsommer" steht für das Gesamtwerk, und Stadler liest den Roman als in radikalem Sinn geschönte Autobiographie, die nicht nur in dieser oder jener Hinsicht die Begebenheiten retuschiert, sondern das erfahrene Unglück insgesamt durch das erfundene Glück ersetzt.

          Die unzähligen Wiederholungen des schmalen Bandes soll man wohl als Nachahmung von Stifters Schreibart nehmen. "Mein Stifter" ist das Protokoll einer restlosen Aneignung. Stadler bekräftigt die Topoi des Zwangscharakters und der Mechanik des Stils. Er rettet sein Idol, so wird man angesichts der Bedeutung, die Stadler der Fettleibigkeit Stifters zumißt, formulieren müssen, wenn man Stadlers Methode pathologischer Einfühlung auf ihn selbst anwendet, durch Einverleibung: ein Fall von hermeneutischem Kannibalismus.

          Es ist die gemeinsame katholisch-habsburgisch-ländliche Herkunftswelt, die Stadler, in Meßkirch geboren, das Recht auf den besitzergreifenden Akt seines Buchtitels geben soll. Man mag es für bäuerlichen Humor halten, der die Frömmelei der feinen Leute durch Geschmacklosigkeit entzaubert, wenn Stadler zur Charakterisierung der Kosmologie des "Nachsommers" den Kitsch-Klassiker "Imagine" von John Lennon bemüht. Der Ich-Erzähler werde in eine Ordnung der Dinge eingewiesen, in der es nicht den "heaven" der theologischen Spekulation gebe, nur den "sky" als Gegenstand naturwissenschaftlicher und zeichnerischer Studien. Die Restauration macht ernst mit der Säkularisation: Der Rosenhof, den der "Gastfreund" des Erzählers, der Freiherr von Risach, als heile Welt weitab von der Haupt- und Domstadt Wien einrichtet und ausgestaltet, kompensiert den Glaubensverlust, indem hienieden beziehungsweise auf halber Höhe errichtet wird, was vom Jenseits nicht mehr zu erhoffen ist. Der "Nachsommer" ist für Stadler "geradezu eine einzige Baugeschichte, ein nachschöpferischer oder schöpferischer Akt, das Vorbild ist nichts Geringeres als das Paradies".

          Der Liebesgarten

          Mit dieser These Stadlers, daß der Roman "eine Art Liebestraum auf Erden" sei, "ein nach den Vorstellungen eines Angstmenschen geordnetes und eingerichtetes diesseitiges Paradies", treffen sich Gedanken, die Norbert Miller zum Abschluß des Stifter-Jahres vor der Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München vortrug. Der Berliner Germanist stellte die Gärten des "Nachsommers" in eine Reihe mit den künstlichen Paradiesen der literarischen Moderne. Miller zeigte einen von einer seiner Schülerinnen, einer Gartenarchitektin, erstellten Plan der Anlagen des Rosenhofes. Nur einer Stelle dieses vollkommen autarken Mikrokosmos läßt sich kein Ort mit kartographischer Bestimmtheit zuweisen: der einmal beiläufig erwähnten Dungstätte. Bei der Besichtigung des Gegenstücks zum Rosenhof, des Sternenhofes der Mathilde Tarona, der Herzensfreundin des Freiherrn von Risach, wird von der Linde als dem "Baum der Wohnlichkeit" Notiz genommen. "Wo wäre eine Linde in deutschen Landen - und gewiss ist es in andern auch so - unter der nicht eine Bank stände oder auf der nicht ein Bild hinge oder neben welcher sich nicht eine Kapelle befände." Dieses Genrebild der Elemente der Wohnlichkeit ist trügerisch, sofern es nahelegt, Bank und Bild und Kapelle ließen sich ebensowenig wegdenken wie der Lindenbaum. Dem Musterhof der wohnlich gemachten Welt fehlt die Kapelle. Auf den pittoresken Reiz, den Rosenranken vor Kirchenfensterstreben ausmachen, hat es der Herr des Rosenhofes gerade nicht abgesehen.

          Stadler macht auf die Marginalisierung der Kirche in der Topographie des Romans aufmerksam. Die Pfarrkirche von Rohrberg, in der in Ermangelung einer Schloßkapelle zum guten Schluß die Hochzeit zwischen Heinrich Drendorf und Natalie Tarona gefeiert werden muß, ist kein Wahrzeichen, das einen festen Bezugspunkt außerhalb der Rosenhofwelt markieren könnte. Dem Pfarrer, den Stadler einen Fremdkörper im Romanpersonal nennt, wird bei schlechtem Wetter Unterschlupf im Herrenhaus gewährt - fast möchte man sagen: damit er sich vor der tranzendentalen Obdachlosigkeit in Sicherheit bringen kann, die den Landpfarrer im Zeitalter des aufgeklärten Katholizismus heimzusuchen droht.

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