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Gesundheitsforschung : Schwarze Schatten auf der Seele

Jeden Tag aufs Neue in einem schwarzen Loch: Zwanzig Prozent aller Deutschen trifft im Laufe ihres Lebens eine Depression Bild: dpa

Depressionen sind eine Volkskrankheit. Aber in den neuen Zentren der Gesundheitsforschung, die Bildungsministerin Schavan an diesem Donnerstag einweiht, spielen psychische Leiden keine Rolle.

          Heute ist ein Tag zum Feiern. Annette Schavan wird im Langenbeck-Virchow-Haus in Berlin vermutlich ihr Glas inmitten einer großen Runde erheben und sagen, dass sie glücklich sei, die sechs Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung nun offiziell vorstellen zu dürfen. Die meisten werden davon nicht das Geringste mitbekommen, dabei ist jeder einzelne von uns betroffen, denn diese sechs über Deutschland verteilten Zentren werden unsere Gesundheit über Jahrzehnte beeinflussend begleiten. Sie sind mit Milliardenbudgets ausgestattet und stehen in engem Kontakt mit Universitäten und Forschungseinrichtungen. Ihr Ziel ist, die Volkskrankheiten weiter einzudämmen: Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenleiden, Neurodegeneration, Krebs und Infektionen.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch ein entscheidendes Forschungszentrum wird es nicht geben: für psychische Krankheiten. Das ist ein fatales Signal. Störungen wie Depressionen, Borderline-Syndrom, Burn-out, Suchterkrankungen oder Schizophrenie prägen das psychische Profil unserer Gesellschaft, auch wenn wir vor den Dimensionen dieser Krankheiten lieber die Augen verschließen. Dabei wäre es endlich an der Zeit, sie aus ihrem Schattendasein herauszuholen. Der Moment dafür ist ideal, gerade, so makaber das klingen mag, nach dem Suizid von Robert Enke. Der ehemalige Nationaltorwart litt an einer schweren Depression, gegen die er nicht mehr ankämpfen konnte. Am Ende sah er den einzigen Ausweg im Tod und ging auf die Gleise.

          Das Leben schwimmt einfach fort

          Depressionen sind nach wie vor eine Tabukrankheit. Die Betroffenen schweigen, aus Scham, aus Angst davor, dass ihre Mitmenschen ihnen auf die Schulter klopfen und sagen: „Jeder ist mal traurig. Das wird schon wieder. Reiß dich zusammen.“ Dass sie einen als Charakterschwächling und Verlierer abstempeln, weil sie nicht verstehen, wie grauenvoll es sich anfühlt, jeden Tag aufs Neue in einem schwarzen Loch zu sitzen. Otmar Wiestler, Leiter des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, erzählte einmal im kleinen Kreis von seiner Zeit in der Psychiatrie. Wer je intensiv mit schwer depressiven Menschen gesprochen habe, sagte er, verstehe, dass deren seelisches Leiden, ihre innere Leere und Verlorenheit so existentiell seien, dass sie jeden körperlichen Schmerz übersteigen.

          Das Wissenschaftsmagazin „Nature“ hat die Jahre 2010 bis 2020 zur „Dekade der psychiatrischen Erkrankungen“ ausgerufen. Die Europäische Union bezeichnete seelische Gesundheit als ein Schlüsselelement für den sozialen Zusammenhalt von Gesellschaften. Sie ist ein wichtiges Bindeglied in einer sich beschleunigenden Welt, in der Mobilität mehr zählt als Stabilität. Wir sind dazu gezwungen, uns ständig neu anzupassen und unser Leben zu optimieren. Die Gefahr, dabei unter die Räder zu kommen, steigt.

          Zwanzig Prozent aller Deutschen trifft im Laufe ihres Lebens eine Depression. Zu viele bleiben mit ihrer Krankheit allein, nicht einmal die Hälfte wird erfolgreich behandelt, mit Medikamenten, einer Therapie oder beidem. Psychische Erkrankungen sind deshalb so gefährlich, weil sie die Betroffenen oft mitten aus einer aktiven Lebensphase reißen. Sie stehen eigentlich erst am Anfang, nicht am Ende, aber ihr Leben schwimmt einfach fort.

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