Gespräch mit Friedrich Wilhelm Graf : Ein Gott zum Kuscheln
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Friedrich Wilhelm Graf ist Jahrgang 1948 und lehrt Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Bild: Andreas Müller
Der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf äußert sich über kirchliche Wohlfühlrhetorik, die notwendige Gleichstellung des Islams und die Bedeutung religiöser Institutionen für unser Leben und unsere Kultur.
Der Beruf des evangelischen Pfarrers werde zu einem Frauenberuf, haben Sie bei einer Konferenz dieser Zeitung und der Herrhausen-Gesellschaft im Herbst beklagt; in Ihren Seminaren dominierten neuerdings: „junge Frauen, meistens eher mit einem kleinbürgerlichen Sozialisationshintergrund, eher Muttitypen als wirklich Intellektuelle, und eine Form von Religiosität, in der man einen Kuschelgott mit schlechtem Geschmack verbinden kann“. Das klang, als suchten Sie geradezu den Ärger mit Ihrer Gleichstellungsbeauftragten . . .
Sie brauchen bisweilen einfach Provokationen in einer medial verfassten Gesellschaft. Die Provokation ist auch fröhlich aufgenommen worden.
Was ist denn so schlimm an der Feminisierung der Pfarrhäuser?
Das Wort soll zunächst einmal ganz sachlich beschreiben: Da ist ein struktureller Wandel, ein einstmals von Männern dominierter Beruf wird ein Beruf für junge Frauen. Damit verändert sich einfach auch das Rollenprofil des Berufes, und es gibt unabhängig davon ja immer die Soziologenfrage: Was bedeutet es eigentlich, wenn ein Beruf für Männer nicht mehr attraktiv ist?
Und der Kuschelgott? Wenn die Leute schon noch sonntags in die Kirche gehen, sollen sie dann nicht erwarten dürfen, dass der Gott dort wenigstens lieb zu ihnen ist?
Ich will jetzt nicht den zürnenden Gott herbeipredigen. Aber ich will sensibel machen für einen Wandel der Religionskultur. Wir erleben zwei Trends. Der eine ist die Eventisierung: Papstbesuch, Kirchentag und so weiter. Und das andere ist das Umstellen auf einen Psychojargon, in dem es permanent um das „Fühl dich wohl“ geht und in dem elementare Spannungen und Widersprüche des Lebens kaum noch eine Rolle spielen.
Das Wochenende ist schließlich zur Erholung da. Spannungen hat man ja im Alltag genug . . .
Aber es käme doch gerade darauf an, die existentiellen Spannungen des Lebens religiös zu deuten und nicht einfach durch ein bisschen Wohlfühlrhetorik zum Verschwinden zu bringen.
Wohlfühlrhetorik ist das, was Sie abliefern, eher nicht: „Kirchendämmerung“ heißt, maximal nietzschemäßig, Ihr neues Buch. Sie machen diesen Niedergang an sieben Untugenden fest. Sprachlosigkeit zum Beispiel. Die Predigten sind Ihnen nicht gut genug?
Ein Großteil der Predigten ist mir in der Tat nicht gut genug. Es gibt nun sehr viel symbolische Kommunikation. Es werden Kerzen von links nach rechts getragen und so weiter. Das ist auch alles schön und wichtig. Aber Wortkultur, Predigtkultur war einst ein ganz wichtiges Kennzeichen des Protestantismus. Das hat in den letzten dreißig Jahren bei vielen Pfarrern an Attraktivität verloren; und wir erleben nun eine Art Infantilisierung der Kommunikation. Man sagt dann immer, man solle die Menschen nicht vom Kopfe her anreden, und dann kommt genau dieser ganze Psycho-Jargon dabei heraus.
Kann es nicht sein, dass ganz einfach andere Institutionen die Aufgaben der Predigt übernommen haben? Die „Zeit“ zum Beispiel. Am Ende sogar wir hier? Das Feuilleton?
Ich bestreite gar nicht, dass sich die Lage der Kirchen durch die verstärkte Konkurrenz von ganz anderen Sinndeutern verändert hat. Aber: Das Christentum ist, einer Formulierung Hegels zufolge, eine denkende Religion, und daran möchte ich ganz gerne festhalten.
Sie kommen ganz gerne mit Schleiermacher und mit Hegel, haben Sie keine Angst, die Letzten, die noch in die Kirche gehen, auch noch in die Flucht zu schlagen mit so viel Gelehrsamkeit?
Sie können doch nicht in einer Gesellschaft, in der Komplexität permanent gesteigert wird, nun gerade in der Religionskultur den Gegenkurs fahren und auf seicht und infantil setzen! Ich habe neulich mit einem eher kirchendistanzierten Freund gesprochen, der sagte, er komme sich so vor, wenn er denn mal gehe, als würde er von vornherein nicht ernst genommen.