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Gespräch mit Friedrich Wilhelm Graf : Ein Gott zum Kuscheln

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Zu Frau Käßmann immerhin strömen die Leute. Bei Ihnen kommt sie unter dem Rubrum Moralismus vor. „Moral ist keine Religion“, schreiben Sie. Das sehen, glaube ich, komplette Kirchentage anders.

Leuchtet mir schon ein, dass die das ganz anders sehen. Aber jetzt nenn' ich ihn wirklich mal, den Schleiermacher: Er erklärt 1799 in einem wunderschönen Büchlein „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“, dass man Religion von Metaphysik und Moral unterscheiden muss. Was wir in der Geschichte vor allem der Bundesrepublik erlebt haben, ist im Grunde die permanente Moralisierung der religiösen Kommunikation. Wenn einem nichts mehr einfällt, wirklich überhaupt nichts mehr, dann fällt einem noch Moral ein. Moralisieren ist nämlich eine intellektuell relativ anspruchslose Veranstaltung. Und wenn Sie sich das anschauen, was Bischöfe oder Ratsvorsitzende so verlautbaren, dann sind das fast immer moralische Pathosbotschaften, zum Beispiel im Bereich der Biopolitik, und da wird immer versucht, moralische Eindeutigkeit zu erzeugen.

Könnte es sein, dass diese Menschen denken, dass es genau das ist, was von ihnen in der Öffentlichkeit erwartet wird?

Da gibt es sicherlich ein interessantes Zusammenspiel zwischen politischem Betrieb und kirchlicher Kultur, weil im politischen Betrieb den Kirchen diese Rolle immer zugeschoben wird. Die sollen dann zur Präimplantationsdiagnostik was sagen und so weiter. Was dabei problematisch ist, ist vor allem der Habitus. Man suggeriert immer, dass man über Problemlösungskompetenz verfügt. Ich würde gern, ein einziges Mal, einen Bischof Huber erleben, der sagt: Wir wissen es auch nicht so genau.

Kirchliche Würdenträger sollen die Hosen runterlassen und sagen: Wir wissen es auch nicht besser als ihr? Wofür zahlen die Leute dann Kirchensteuer?

Ich sage vor allem: Weniger Interventionen, aber prägnantere und durchdachtere. Gerade bei den Kirchentagen: Da können Sie immer das Gute bestellen. Den Ausstieg aus der Atomenergie. Wunderbar. Aber dann fragen Sie sich doch mal, woher dann der Strom kommen soll. Also insofern findet dort immer eine moralistische Reduktion von Komplexität statt. Das ist langfristig ruinös.

Ist das mit dem Punkt „Demokratievergessenheit“, der nächsten Ihrer Kardinalsuntugenden, ähnlich? Diktatur ist einfacher?

Wir führen ja nun eine sehr intensive Islam-Debatte. Und wir haben immer Vorstellungen, dass „der“ Islam bestimmte Dinge noch nicht könne. Die Aufklärung habe er nicht. Die Demokratie könne er nicht. Den Rechtsstaat habe er noch nicht verstanden . . . Es könnte doch sein, dass es bei den christlichen Kirchen im Lande nicht so grundlegend anders ist. Die katholische Kirche tut sich ausgesprochen schwer damit, bestimmte Spielregeln der parlamentarischen Demokratie zu akzeptieren. Der Papst polemisiert, wenn Sie seine Texte lesen, permanent gegen das Mehrheitsprinzip. Er schaltet dem staatlichen Recht immer ein Naturrecht vor. Und auch in der evangelischen Kirche gibt es immer noch sehr viel Autoritätskultus, alte Gemeinwohlideale, die überhaupt nicht in eine pluralistische Gesellschaft passen.

Aber ist das nicht das, was die Leute sich auch davon erwarten dürfen? Dass man mal abgeben kann? An eine jahrtausendealte Institution, die vor einem da war, nach einem da sein wird, mit all ihren Verknöcherungen? Demokratisch sein kann man ja im Alltag selber schon . . .

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