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Geschlechterforschung : Frauen machen viel Worte

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Das weibliche Gehirn verstummt bekanntlich nie: Aber reden Frauen wirklich mehr als Männer? In einer amerikanischen Studie haben Soziologen zur Beantwortung dieser Frage ein E-Mail-Experiment durchgeführt.

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          Die Annahme, Gesellschaft bestehe aus Kommunikation, macht aus dieser jedenfalls kein Mängelwesen. Das Gerede kann einem ja schon mal zu viel werden. An dieser Form der Überflussgesellschaft ist die Soziologie mit ihrem anspruchslosen Begriff von Kommunikation nicht ganz unschuldig. Gewiss kann es an Kommunikation auch fehlen. Doch meist erzeugt ihr Überfluss einen Überdruss, der wiederum die Suche nach einfachen Gründen befördert. Je „gesellschaftsferner“ diese Gründe, desto überzeugender scheinen sie. Die Medien, das Fernsehen, die Kultur - alles noch zu nahe dran am Problem, um Lösung sein zu können. Da bieten sich schon eher die Geschlechter an, am besten gleich das „weibliche Gehirn“, das bekanntlich nie verstummt.

          Redezeit ist eine begrenzte Ressource

          Aber reden Frauen wirklich mehr als Männer? Victor Brajer und Andrew Gill haben jetzt den Mut aufgebracht, auch dieses Rätsel zu lösen („Yakity-Yak: Who talks back? An Email Experiment“, in: Social Science Quarterly, Jg. 81, Heft 4, 2010). Die Studie ist ein Musterbeispiel für gute Forschung, genügt sie doch gleich drei hohen Ansprüchen: Sie macht aus einer albernen Frage eine interessantes Problem; sie entwirft ein billiges und jederzeit wiederholbares Experiment, und sie operiert mit einem Minimum an theoretischem Rüstzeug. Und am Ende lässt sie die methodischen Skrupel nicht missen, in ihren Ergebnissen vielleicht sogar die Unbeantwortbarkeit ihrer Ausgangsfrage erkennen zu müssen.

          Um mit der Theorie zu beginnen: Man unterstelle Knappheit. Folglich ist der angebliche Überfluss weiblicher Kommunikationsanteile zu erklären, schließlich sind Redezeit, der Anspruch, gehört zu werden, und die Bereitschaft, sich überhaupt zu äußern, alles begrenzte Ressourcen. Sollten Frauen also tatsächlich so viel reden, müssten sie davon bemerkenswert viel haben. Schon das klingt eher unwahrscheinlich. Aber wie kann man das überprüfen? Das Experiment also: Man nehme eine Gruppe Studenten und fordere sie per E-Mail zur Beantwortung zweier Fragen auf und zähle anschließend die Wörter. Die Fragen unterstellen unterschiedliche Kompetenzen von Männern und Frauen. Eine beansprucht eher die Fähigkeit zum Lösen eines technischen Problems - die Reorganisation des Parkplatzangebotes auf dem Campus. Die zweite fordert heraus zur Selbstdarstellung und zur Begründung persönlicher Präferenzen - warum studiert man sein Fach?

          Schweigsame Asiaten?

          Die Autoren wollten dabei insbesondere wissen, was die Interaktion für eine Rolle spielt. Erlauben sich Studentinnen gegenüber einer Professorin mehr Worte als gegenüber einem Professor? Spielen Rangunterschiede, Alter und Kultur eine Rolle?

          Die Forscher zeigen sich von ihren Befunden überrascht. Frauen nutzten tatsächlich mehr Worte in ihren Antworten als die Männer. Aber war das nicht die Erwartung? Erwartet wurde aber nicht, dass die angebliche Differenz „Problemlösen versus Selbstexpression“ keinen Widerhall fand. Den weiblichen Teilnehmern fiel beim Stichwort Parkplatz sogar deutlich mehr ein als den Männern. Am deutlichsten dann, wenn die E-Mail von einer älteren Professorin zu stammen schien. Warum sie aber studierten und was das mit ihrem Selbst zu tun haben könnte - hierauf fielen die Antworten gleichermaßen knapp aus, am knappsten bei Studenten aus dem asiatischen Raum. Bei Letzteren konstatieren die Autoren eine erstaunliche Zurückhaltung gegenüber der Aufforderung, überhaupt etwas von sich selbst preiszugeben.

          Gibt es nichts zu erzählen?

          Man könnte daraus einige wohlwollende Schlüsse ziehen. Die Privatheit der brieflichen Kommunikation fördert vielleicht die Chancen von Frauen, zu Wort zu kommen. Im Unterschied etwa zu männlich dominierten Öffentlichkeiten wie Labors oder Hörsälen. Das kennt man auch schon von den Befürwortern der Geschlechtertrennung im Unterricht. Im besprochenen Fall nutzen die Autoren den Befund für ein Plädoyer zugunsten der „Online-Universität“. Interessanter ist da schon, wenn man es denn verallgemeinern möchte, dass die Auskunftsfreude über die Wahl des eigenen Studienfachs generell schwach ausfällt. Gibt es da nichts zu erzählen? Fehlen die Worte, oder fand gar keine Wahl statt? Und könnte man dahinter gleich eine Tendenz zu „asiatischer“ Fremdbestimmtheit der Berufswünsche vermuten?

          Vielleicht sind Studenten aber einfach noch zu jung für jene Distanz zu sich selbst, die erst im Rückblick einem Lebenslauf so etwas wie eine narrative Identität abluchsen könnte. Man muss also nicht gleich wehklagen, dass diese jungen Menschen nur noch Probleme lösen können, aber sich selbst ein uninteressantes Rätsel bleiben.

          Bleibt das methodische Problem der Studie. Etwas kleinlaut geben die Autoren am Ende zu, dass ihr Befund auch das methodische Artefakt eines weiblichen Entgegenkommens sein könnte. Da kann sich die Sozialforschung noch so harmlos in den Alltag schleichen - wer höflich um Teilnahme bittet, bekommt eben eher von Frauen eine erschöpfende Antwort. Dies berücksichtigt, harrt das Rätsel der weiblichen Redezeit auch weiterhin seiner Auflösung.

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