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Geschichte der Musikforschung : Des Helden Werkstatt

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Rollensammlung für den Betrieb des automatischen Klaviers im Musikwissenschaftlichen Institut der Johann-Wolfgang-Goethe-UNiversität Bild: Fabian Fiechter

Die Fachgeschichte ist jetzt das große Ding des kleinen Fachs Musikwissenschaft. Man interessiert sich für die Forscher wie früher für die Komponisten.

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          Der Universalgelehrte alten Stils, der souverän sein Fachgebiet überschaut und mit jovialer Geste der Überlegenheit zu jedem Gegenstand etwas unwiderstehlich Schlaues zu sagen weiß, ist zur Legende geworden. Diese wird immer häufiger in Nachrufen bemüht, ist Teil anekdotischer Überlieferung im akademischen Generationenmodell und zeitigt angesichts beschleunigter Wissenschaftsprozesse bisweilen eine gewisse Melancholie. Hier entspringen Sehnsuchtsträume von Phasen fachgeschichtlicher Institutionalisierung, in denen Bologna allein eine italienische Stadt war und Gelehrte von ihrem Fachgebiet in seiner vielzitierten Breite beseelt sein durften, ohne arbeitsrechtlich mit hyperaktiven Stabsstellen zu kollidieren.

          Die verschwundenen Universalisten sind unterdessen jenseits von Gedenkritualen bevorzugte Objekte der wissenschaftlichen Neugier geworden. Immer mehr interessiert sich die Scientific Community für Praktiken der Wissensproduktion und des Wissenstransfers, aber auch für Motivationen, Methoden und persönlichste Details der Lebensläufe ehemaliger Kollegen und Vorgänger.

          Nationalsozialismus im Zentrum

          In der Musikwissenschaft, einer oft als verspätet apostrophierten Disziplin, gilt Fachgeschichte mittlerweile sogar als neues Profilierungsfeld. Hier gibt es abseits der ausgetretenen Pfade der Gattungs-, Werk- oder Epochengeschichte und jenseits aller Moden noch quellensatte Pfründen einzufahren. Sieht man einmal von den zahlreichen historiographischen Auseinandersetzungen mit dem 1989 verstorbenen Universalgelehrten und Phänomen Carl Dahlhaus ab, dessen geradezu unheimliche internationale Reputation und fachgeschichtliche Wirkung trotz oder gerade wegen diverser methodischer Turns noch immer verfangen, stehen vorzugsweise die Jahre des Nationalsozialismus im Fokus.

          Zwar widmen sich jüngere Vorhaben auch den beiden Ahnherren Johann Nikolaus Forkel (1749 bis 1818) und August Wilhelm Ambros (1816 bis 1876) oder dem bedeutenden Choralforscher Peter Wagner (1865 bis 1931). Doch sind das Einzelfälle. Zumeist gilt es, der Musikwissenschaft in den dreißiger und vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts habhaft zu werden. Dabei liegt der Blick nicht nur auf Instituten, Fachverbänden und Ämtern, wie dem berüchtigten „Amt Musik“ unter der Leitung des Musikwissenschaftlers Herbert Gerigk, oder einzelnen Projekten, wie dem beklemmenden „Lexikon der Juden in der Musik“ von 1940. Schon Fred K. Priebergs Studie „Musik im NS-Staat“ von 1982 hatte den Blick auf einzelne Akteure gelenkt.

          Die Akten des Berlin Document Center

          Clytus Gottwalds Versuch, Heinrich Besseler (1900 bis 1969) auf der Tagung der Gesellschaft für Musikforschung 1970 (fach)öffentlich als nationalsozialistisch aufgeschlossen zu definieren, galt noch als nestbeschmutzerisch. Heute setzen sich mehrere Forschungsprojekte und Verbandsinitiativen kritisch mit den prägenden Fachvertretern des zwanzigsten Jahrhunderts auseinander. Denn die 1994 erfolgte Übergabe des unter amerikanischer Verwaltung stehenden Berlin Document Center an das Bundesarchiv, eingeschlossen NSDAP-Mitgliederkartei, Parteikorrespondenz sowie diverse Entnazifizierungsakten, ermöglicht auch die gezielte Auswertung musikpolitischer Einsätze. In mikrohistoriographischer Einzelarbeit werden seitdem Karrieren seziert und Netzwerke rekonstruiert. Die deutschen Forschungsförderinstitutionen sind dem zeitgeschichtlichen Trend längst gefolgt, geisteswissenschaftliche Forschung kann hier einmal Gesellschaftsrelevanz und Zeitgeistnähe beweisen. Das bringt Drittmittel.

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