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: Gelehrter Spion

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Vom Einsatz kleiner Sabotagetrupps hinter den feindlichen Linien handelt einer der schönsten Filme über das Ende des Zweiten Weltkriegs: "Entscheidung vor Morgengrauen" (Decision before dawn, 1951) von Anatole Litvak.

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          Vom Einsatz kleiner Sabotagetrupps hinter den feindlichen Linien handelt einer der schönsten Filme über das Ende des Zweiten Weltkriegs: "Entscheidung vor Morgengrauen" (Decision before dawn, 1951) von Anatole Litvak. Neben Hildegard Knef spielte Oscar Werner eine der Hauptrollen: Er gab den Part eines jungen deutschen Kriegsgefangenen der Vereinigten Staaten, der sich freiwillig zu einem Kommandounternehmen meldete. Solche Unternehmen gab es tatsächlich, sie wurden vom amerikanischen Geheimdienst "Office of Strategic Services" (OSS) von London aus geplant. Einer der Köpfe des OSS war der inzwischen verstorbene Joseph Gould, der sich besonders um die Rekrutierung emigrierter Gewerkschaftler aus dem Umkreis des Londoner "Freien Deutschland" bemühte.

          Sein Sohn Jonathan hat aus den freigegebenen Dokumenten des OSS und den Erinnerungen seines Vaters ein Dossier über die Sabotage-Agenten zusammengestellt, die im Dienst des OSS standen und in den letzten Wochen vor Kriegsende deutsche Truppenbewegungen an die Allierten meldeten (Jonathan S. Gould, "Strange Bedfellows. The OSS and the London ,Free Germans', in: Studies in Intelligence, Jg. 46 Heft 1, 2002, im Netz unter www.cia.gov/csi/studies/vol46no1/article03.html). Hilfreich bei Joseph Goulds Rekrutierungsarbeit war vor allem der vor wenigen Jahren verstorbebene DDR-Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski.

          Jonathan Gould spricht von "politischen Komplikationen", die sich Ende 1944 einstellten: das FBI, das State Department und konservative Kreise im OSS erhoben Einwände gegen die Verwendung von Kräften aus dem Umkreis des "Freien Deutschland", weil man eine Gefahr darin sah, daß die Kommandogruppen nach dem Ende des Krieges für die "Bolschewisierung" eingesetzt würden. Auch William J. Casey, der spätere CIA-Direktor - und unter der Präsidentschaft Ronald Reagans in den Iran-Contra-Skandal verwickelt - war reserviert. Schon Ende 1944 stellte man sich da und dort auf den Kalten Krieg ein. Arthur Goldberg jedoch, Chef der "Labor Division" im OSS, plädierte für die deutsche Gruppe und konnte sich damit bei der Führung des OSS durchsetzen. Tatsächlich waren die Bedenken der "Konservativen" berechtigt. Moskau war, wenn man Kuczynskis Schwester Ruth Werner glauben darf, die seit den späten zwanziger Jahren für den sowjetischen Nachrichtendienst arbeitete, von Anfang an über die Unternehmen informiert. Als ihr Bruder von der amerikanischen Rekrutierungsinitiative berichtete, habe sie sogleich die Moskauer Zentrale benachrichtigt, die genaue Anweisungen zur Auswahl der Kommandounternehmen gab.

          So kam es, daß Kuczynski einen der führenden Kommnisten im Londoner Exil, Erich Henschke alias Karl Kastro, mit Gould in Verbindung brachte. Kastro beriet Gould bei der Auswahl von Agenten und hielt die Verbindung mit den Familien der Rekrutierten. Ruth Werner kannte Henschke schon aus der illegalen Arbeit während der Weimarer Republik, er teilte ihr in London alle Einzelheiten mit - einschließlich der Funk-Codes und der Decknamen der Agenten -, die sie prompt nach Moskau weiterleitete.

          So war die kommunistische Unterwanderung, vor der das FBI gewarnt hatte, Wirklichkeit geworden. Nach dem Ende des Krieges dämmerte es auch den amerikanischen Stellen, die in einem abschließenden Memorandum festhielten, gegen die weitere Verwendung der Agenten gebe es, wegen des "politischen Hintergrunds", ernsthafte Bedenken. Soweit sie den Krieg überlebten, ließen sich die Kommando-Kräfte denn auch - mit einer Ausnahme - in der sowjetisch besetzten Zone nieder. Dort wiederum betrachtete man sie ebenso reserviert, weil man ihre Arbeit für die Amerikaner kannte. Kaum glaublich erscheint es angesichts dieser Entwicklung allerdings, daß Gould, wie sein Sohn berichtet, erst 1990 bei einem bewegenden Wiedersehen mit Kuczynski von der Beteiligung der Sowjet-Spionage erfahren habe und nun tief betroffen gewesen sei. Lorenz Jäger

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