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: Geheimnis des Goldgrundes

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Manchmal geschieht es, daß die Erforschung bestimmter Kunsttechniken ein neues, zumindest bestätigendes Licht auf die ästhetischen Auffassungen eines Künstlers, einer Epoche oder gar einer ganzen Kultur wirft.

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          Manchmal geschieht es, daß die Erforschung bestimmter Kunsttechniken ein neues, zumindest bestätigendes Licht auf die ästhetischen Auffassungen eines Künstlers, einer Epoche oder gar einer ganzen Kultur wirft. So geschehen an einem Hauptwerk eines der bedeutendsten japanischen Maler des siebzehnten und frühen achtzehnten Jahrhunderts, dem Wandschirmpaar "Rote und weiße Pflaumenblüten" von Ogata Korin (1658 bis 1716). Korin ist in Europa kein ganz Unbekannter. Nicht nur, daß kürzlich in Bonn in der großen Japan-Ausstellung das Wandschirmpaar "Sturm und Donnergott" zu sehen war. Im Paris des neunzehnten Jahrhunderts, als man noch nicht wie heute auf die Ukiyoe-Holzschnitte fixiert war, muß er geradezu en vogue gewesen sein.

          Es gab Sammler, die mehrere Blätter von Korin, oder ihm zugeschriebene, besaßen. Seine Wandschirmbilder wurden in Zeitschriften veröffentlicht. Van Gogh kannte gewiß den Wandschirm mit nichts als Schwertlilien auf Goldgrund und hat dies Motiv auf seine Weise umgesetzt. Das Pflaumenblüten-Schirmpaar wirkte aber wohl noch unmittelbarer. Die für westliche Augen ungewöhnlich expressiv-abstrakte Komposition muß sehr beeindruckt haben: zwei knorrige, mit Flechten bedeckte Bäume stehen einander gegenüber, getrennt durch einen völlig abstrahierten Fluß, dessen Oberfläche durch arabeskenartige Wellen in Bewegung versetzt wird. Dieses Wellenmotiv wurde von Gustav Klimt für eines seiner Frauenbildnisse übernommen. Bisher war man der Meinung, daß Korin für Hintergrund und Fluß Blattgold und Blattsilber verwendet habe. Der Augenschein ließ dies auch vermuten, glaubte man am Bildgrund doch die etwas "zerrissen" wirkenden Konturen der Blattgoldquadrate zu erkennen, und die dunkle Farbe des Flusses hielt man für schwarz gewordenes Silber. Doch bei neuen Untersuchungen des Tokioter Forschungsinstituts für den Kulturbesitz stellte man fest, daß dem nicht so ist. Im MOA-Museum in Atami, etwas südlich von Tokio gelegen, dem dies Wandschirmpaar gehört, fand kürzlich ein hochkarätig besetztes Symposion statt, bei dem diese Probleme eingehend erörtert wurden.

          Zuvor hatte man zwei technische Untersuchungsmethoden angewendet. Einmal suchte man durch Röntgenstrahlen die Fluoreszenz sichtbar zu machen. Dann vergrößerte man mit Hilfe einer Digitalkamera einen Quadratzentimeter auf einen Quadratmeter, wodurch die Farbpartikel sichtbar wurden. Durch diese Hilfsmittel konnte man erkennen, daß das "Blattgold" sehr dünn aufgebracht war. Bei normalem Blattgoldhintergrund handelt es sich in der Regel um Doppelblätter, die sehr viel dicker wirken, als es auf dem Korin-Schirm den Anschein hat, zumal dieser Hintergrund nur einen sehr geringen Goldmetallgehalt aufwies. Es stellte sich heraus, daß es sich um in Leim aufgelöstes Goldpulver handelte. Außerdem konnte man Pinselspuren entdecken. Man kam also zu dem Schluß, daß Korin seinen "Blattgold"-Hintergrund gemalt haben muß. Beim Fluß-Kompartiment erkannte man, daß die schwärzliche Farbe nicht auf Blattsilber, sondern auf Indigo zurückzuführen sei. Von den Wellenarabesken glaubt man, daß sie mit Hilfe von Katagami-Schablonen, wie man sie bei der Stoffärberei verwendet, aufgebracht worden sind.

          Damit aber ist die eigentliche Frage, die den Kunsthistoriker und Kunstbetrachter bewegt, noch nicht beantwortet: Warum hat sich Korin der Mühe unterzogen, diesen Bildgrund, Blattgold imitierend, zu malen? Gründe der Ersparnis können es nicht gewesen sein. Einmal soll Goldpulvermalerei teurer sein, und selbst wenn nicht, würde der ungleich höhere Zeitaufwand die Ersparnisse wiederaufgehoben haben, sogar wenn Gehilfen diese Arbeit übernommen hätten. Man kann aber annehmen, daß es Korins Bestreben war, der Glätte eines perfekten Blattgoldhintergrundes zu entgehen und seinem Bildgrund eine lebendige Struktur zu geben, wie sie durch wie Risse gebrochene Linien, leicht unregelmäßige Konturen der Quadrats entsteht. Dabei sieht es aus, als sei der Effekt zufällig entstanden wie beim Aufkleben des Blattgoldes, das leicht reißt und sich manchmal schwer aufkleben läßt.

          Es kommt in der japanischen Kunst öfters vor, daß zufällig Entstandenes als Kunstform erkannt und als solche wiederholt wird. Es sei nur an die Negoro-Lackgefäße erinnert. Unter der roten Lackschicht kam im Laufe der Zeit durch Abnutzung die schwarze Unterschicht hervor, was den Gefäßen einen eigentümlichen Reiz und eine Lebendigkeit verlieh. Bis heute versuchen das die Lackmeister nachzuahmen. So liegt bei Korins Bildgründen vielleicht eine ähnliche Absicht vor, das heißt, unmittelbare Lebendigkeit zu erzeugen.

          I. SCHAARSCHMIDT-RICHTER

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