https://www.faz.net/-gqz-qw05

: Gegen den Idealismus als Idiotie

  • Aktualisiert am

Der Arzt und Schriftsteller Oscar Levy, der von 1867 bis 1946 lebte, war Deutscher und Engländer, Jude und Antisemit. Er verachtete das Christentum, die Demokratie, den Zionismus und alle übrigen "Ideologien".

          Der Arzt und Schriftsteller Oscar Levy, der von 1867 bis 1946 lebte, war Deutscher und Engländer, Jude und Antisemit. Er verachtete das Christentum, die Demokratie, den Zionismus und alle übrigen "Ideologien". Vor allem aber war er ein missionarischer Nietzscheaner, der wie Nietzsche von der welthistorischen Aufgabe des Judentums überzeugt war. Obwohl Levy viel publiziert und sogar zwei Romane Benjamin Disraelis ins Deutsche übersetzte ("Contarini Fleming", 1909, und "Tancred", 1936), ist er in Deutschland so gut wie unbekannt. Sein schon in England geschriebenes Buch "Das neunzehnte Jahrhundert" (Dresden 1904) gibt es noch in zwei deutschen Bibliotheken, sein wichtigstes Werk "The Idiocy of Idealism" (London 1940) sucht man in Deutschland vergeblich. Levys Nachlaß liegt seit 2004 im Nietzsche-Haus in Sils Maria, gestiftet von dem Oxforder Antiquar Albi Rosenthal und seiner Frau Maud, der Tochter Levys.

          Zwischen 1909 und 1913 erschien in London eine achtzehnbändige englische Nietzsche-Ausgabe, die Levy veranlaßt und finanziert hatte. Mitte der zwanziger Jahre wurde diese Ausgabe vom New Yorker Verlag Macmillan neu aufgelegt. Bis heute ist es die vollständigste Nietzsche-Ausgabe in englischer Sprache. Ein Freund schrieb Levy, er habe Nietzsche den Engländern "so richtig eingebleut". Im Jahre 1925, dem Erscheinungsjahr von Adolf Hitlers "Mein Kampf", verfaßte Levy ein neunzigseitiges Manuskript mit dem provozierenden Titel "Mein Kampf um Nietzsche", für das er damals weder in Deutschland noch in England einen Verleger fand. Diese kleine Schrift ist jetzt im ersten der auf sechs Bände angelegten und vom Berliner Parerga-Verlag betreuten "Gesammelten Schriften und Briefe" Oscar Levys erschienen (Oscar Levy, Nietzsche verstehen. Essays aus dem Exil 1913-1937; hrsg. von Steffen Dietzsch und Laila Kais).

          Diese autobiographische Schrift handelt weniger von Nietzsche als von der "Berechtigung des Antisemitismus" ihres Verfassers. Um 1920 nämlich lernte Levy den Militärschriftsteller George Henry Lane Pitt-Rivers kennen, den, so Levy, vielleicht einzigen ernstzunehmenden Antisemiten, der alles Böse in der Welt auf die Juden zurückführte. Zu Pitt-Rivers' Buch "The World Significance of the Russian Revolution" (Oxford 1920) verfaßte Levy ein Vorwort, das er in "Mein Kampf um Nietzsche" vollständig auf deutsch wiedergibt. Levy gesteht Pitt-Rivers zu, daß die Juden das Unglück aller und an allem schuld seien, am Bolschewismus und Kommunismus ebenso wie am Kapitalismus und Liberalismus, am "materiellen wie spirituellen Ruin dieser Welt". Er zitiert Benito Mussolini, den er 1924 interviewt hatte und mit Disraeli verglich: "Die Latinität ist zweimal durch zwei Visionäre ruiniert worden, die beide Hebräer waren: Jesus Christus und Karl Marx." Für Levy sind die Juden die Verderber der Welt, weil sie die "intensivsten Idealisten" seien, die versuchten, ihre Grundprinzipien in lebende Taten umzusetzen. Was bei Levy aussieht wie eine Verachtung des Judentums, entspringt vielmehr seiner grenzenlosen Bewunderung des Judentums, einem Vertrauen in seine Kraft, die er ins Phantastische steigert. Allerdings verachtet Levy alle Formen des Idealismus, die er als Wahnvorstellungen entlarven will.

          Seit Nietzsches Diktum über Spinoza - "Am Judengott fraß Judenhaß!" - ist der jüdische Selbsthaß immer wieder thematisiert worden, besonders von Otto Weininger (Geschlecht und Charakter, 1903) und Theodor Lessing (Der jüdische Selbsthaß, 1930). Levys Billigung des radikalen Antisemitismus ist eine Variante dieses jüdischen Selbsthasses: Er haßt einerseits sein Judentum, weil es Unglück für die Welt gebracht habe, besonders in Form des "Judentums fürs Volk", des Christentums; er verehrt es aber andererseits auch, weil er fest davon überzeugt ist, daß nur die Juden die Welt von allem Unglück wieder erlösen können.

          Und diese Juden, auf die Levy wartet, müssen eine ganz besondere Eigenschaft haben: sie müssen die verderbte Menschheit lieben können: "Denn der Haß wird nie durch den Haß besiegt: es ist nur die Liebe, die seiner Herr werden kann." Levy sieht in dieser Liebe "unsere Aufgabe für die Zukunft, eine Aufgabe, der sich Israel sicherlich nicht entziehen wird". Da Levy auch die mosaische Religion als "idiotischen Idealismus" abtut, sagt er nicht, die Welt warte auf den Messias. Aus demselben Grund kann auch ein neuer Christus die Aufgabe nicht erfüllen. Der Nietzscheaner Levy hoffte auf einen die Welt nicht mit seiner Stärke und Kraft, wohl aber mit seiner Liebe erlösenden jüdischen Übermenschen. Friedrich Niewöhner

          Weitere Themen

          Zur Zukunft des Lesens

          Stavanger-Erklärung von E-READ : Zur Zukunft des Lesens

          Bildschirme und bedrucktes Papier sind als Lesemedien nicht gleichwertig: Mehr als 130 Leseforscher aus ganz Europa haben eine Erklärung zur Zukunft des Lesens im Zeitalter der Digitalisierung unterzeichnet.

          Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille Video-Seite öffnen

          Robert Menasse : Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille

          Für seine Verdienste um die deutsche Sprache würdigte Malu Dreyer den Autor Robert Menasse „als großen Erzähler der Gegenwart“, der seit mehr als drei Jahrzehnten nicht aus der deutschsprachigen Literatur wegzudenken sei.

          Topmeldungen

          Donald Tusk und Theresa May bei einem Treffen in Brüssel am 25. November 2018

          Liveblog zum Brexit : EU lehnt Mays Plan B umgehend ab

          +++ May will mit EU erneut über Nordirland-Auffanglösung verhandeln +++ Kein zweites Referendum +++ Corbyn: „nichts Neues“ +++ Alle Entwicklungen im FAZ.NET-Liveblog. +++
          Wie ausradiert: Die Zerstörung immer größerer Teile des Gehirns führt zum großen Vergessen und am Ende sogar zum Verlust der Persönlichkeit.

          16 Jahre vor der Demenz : Ein Bluttest für Alzheimer

          Unheilbar, aber nicht unsichtbar: Nachdem deutsche Forscher entdeckten, dass Alzheimer-Spuren lange vor Krankheitsbeginn im Blut zu finden sind, haben sie einen Bluttest entwickelt. Anwendungsreif ist er nicht.
          Die schwarz-rot-goldene Begeisterung ist groß in den Hallen der Handball-WM.

          WM-Kommentar : Der Erfolg des Handballs

          Egal, ob man harte Zahlen nimmt oder den weichen Faktor Gefühl: Diese Handball-WM ist bislang eine einzige Erfolgsgeschichte. Das verwundert nicht. Erstaunlich ist aber etwas anderes. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.