https://www.faz.net/-gqz-7vcv6

Gaza im Ersten Weltkrieg : Halb geflüchtet, halb vertrieben

  • -Aktualisiert am

Camel Corps in Ägypten, 1918: Die Grenzstadt Rafah diente als Basis für den Angriff auf Gaza Bild: James Francis Hurley

Gaza im Fadenkreuz: Schon kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs wird die Stadt von italienischen Kriegsschiffen beschossen. Viele der Bewohner fliehen, der Rest wird zwangsevakuiert.

          3 Min.

          Einer der Schauplätze des Ersten Weltkriegs war Palästina. Wie heftig die Kämpfe zwischen der von deutschen Truppen unterstützten türkischen und der einrückenden britischen Armee die Stadt Gaza und ihre Bewohner trafen, ist hingegen wenig bekannt. Auf dieses vergessene Kapitel des Großen Kriegs und seine Folgen macht nun der israelische Historiker Dotan Halevi in der Tel Aviver Geschichtszeitschrift „Zmanim“ (Zeiten) aufmerksam (Dotan Halevi: „Gaza und seine Bewohner: Exil und Zerstörung“, in: Zmanim, Heft 126, 2014, in hebräischer Sprache).

          Neben Jaffa und Jerusalem war Gaza mit seinen rund 40.000 Einwohnern damals eine der größten Städte im Land. Schon kurz nach Kriegsbeginn wurde sie von italienischen Kriegsschiffen beschossen, was die dort lebenden Missionare, Juden und auch einige hundert Araber bewog, die Stadt zu verlassen. Als mit dem Vorstoß der britischen Armee in den Norden des Sinai im Frühjahr 1917 ein Angriff auf Gaza immer wahrscheinlicher wurde, entschied die türkische Armeeleitung, sämtliche Bewohner der Stadt zu evakuieren. Die in Gaza einziehenden türkischen Soldaten führten die Evakuierung mit aller Härte durch. Erbarmungslos peitschten sie die Bewohner, die nur etwas Proviant mitnehmen durften, aus ihren Häusern.

          Die Zwangsevakuierten versuchten zunächst in benachbarten Dörfern unterzukommen, aber als die osmanischen Truppen schon kurz darauf dort ebenfalls Stellungen bezogen, machten sie sich weiter auf den Weg in Städte wie Hebron, Jerusalem und Jaffa. Ein erheblicher Teil der Vertriebenen wurde von den osmanischen Behörden in Zügen in die syrischen Städte Aleppo und Homs verfrachtet, wo sie in große Not gerieten.

          Verwüstung durch Bombenangriffe

          Für diese Vertreibungspolitik zeichnete Cemal Pascha, der zuvor schon an den Deportierungen der Armenier beteiligt gewesen war, verantwortlich. Ob bei den Motiven des türkischen Generals sein Araberhass die entscheidende Rolle spielte, bleibt offen. Sein deutscher Verbündeter General Friedrich Kreß von Kressenstein jedenfalls befürchtete, den Gazaern könnte ein ähnliches Schicksal zuteilwerden wie zuvor den Armeniern, und war deshalb gegen die Evakuierungsaktion. Cemal Pascha aber argumentierte, diese habe vor allem innenpolitische Gründe.

          Tatsächlich hatte sich damals in Gaza von Seiten arabischer Nationalisten Widerstand gegen die türkische Herrschaft geregt, den die Osmanen schon in den ersten Kriegsjahren im Keim zu ersticken versuchten. Eine Kollektivbestrafung aller arabischen Bewohner Gazas durch eine Deportation war aus Sicht des Historikers Halevi von Cemal Pascha aber nicht intendiert, zumal viele der dortigen Araber nicht nur gerne mit den Türken zusammenarbeiteten, sondern auch in der osmanischen Armee dienten. Der Israeli glaubt, dass die Deportation nach Syrien eher zum Schutz der Bevölkerung von Gaza erfolgte, die so von den Folgen einer eventuellen Ausweitung der Kriegshandlungen auf ganz Palästina verschont werden sollte.

          Dieser Logik könnte auch die Unterbringung eines Teils der Gazaer Führungsschicht in der nördlicher gelegenen zionistischen Siedlung Gedera gefolgt sein, wo die Juden den Arabern Häuser zur Verfügung stellen mussten. Um Gaza wurde schon Ende März 1917 erbittert gekämpft, und beide Seiten setzten bald nicht nur schwere Artillerie ein, sondern bombardierten auch massiv aus der Luft. Dabei wurde auch die Umar-Moschee, seinerzeit eine der prächtigsten Palästinas, zerstört, als das darin versteckte Munitionsdepot explodierte, wodurch die dort beherbergte große Sammlung islamischer Schriften fast vollständig verlorenging.

          Desolate Wohnungslage in der Trümmerstadt

          Als die Briten am 7. November die Stadt schließlich einnahmen, glich sie einem Trümmerfeld: Von den türkischen Soldaten waren zuletzt die noch intakten Häuser abgerissen worden, um Baumaterial zur Befestigung ihrer Stellungen zu gewinnen. Nach dem Krieg kehrten die arabischen Bewohner nur zögernd in die verwüstete Stadt zurück. 1922 lebten in Gaza nur etwas mehr als 17 000 Menschen. Alle Appelle Herbert Samuels, des ersten britischen Gouverneurs Palästinas, an die Londoner Regierung, man möge sich um den Wiederaufbau der Stadt kümmern, verhallten ungehört.

          Auch Juden, die sich dort ansiedeln wollten, wurde von zionistischen Organisationen jegliche Unterstützung verwehrt. Ihre Versuche, auf eigene Faust in der Stadt Fuß zu fassen, wehrten die arabischen Hausbesitzer ab, indem sie besonders hohe Mieten von ihnen verlangten. Über ein Jahrzehnt sollte sich die desolate Wohnungslage in Gaza, das von Besuchern immer wieder als Trümmerstadt beschrieben wurde, kaum ändern. Erst zu Beginn der vierziger Jahre konnte nach der Errichtung eines neuen Stadtteils der Bevölkerungsstand der Vorkriegszeit allmählich wieder erreicht werden.

          In anderen Stadtvierteln waren die Spuren der Kriegszerstörungen immer noch deutlich sichtbar. Zu umfangreichen Wiederaufbauarbeiten sollte es aber nicht mehr kommen: Schon 1948 suchten infolge des israelisch-arabischen Kriegs rund 200.000 palästinensische Flüchtlinge Zuflucht in der Stadt und ihrer Umgebung. Mit ihren Nachkommen bilden sie heute mehr als zwei Drittel der 1,8 Millionen zählenden Bevölkerung des Gazastreifens.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Rangierbahnhof in Maschen

          Güterverkehr : Auf der Schiene herrscht das Chaos

          Mehr Güter von der Straße auf die Gleise – das will die Politik. Derzeit jedoch bremsen Baustellen und Betriebsstörungen die Bahnen aus. Wer ist Schuld?
          Istanbul: Menschen kaufen Brot an einem Kiosk der Istanbuler Stadtverwaltung.

          Brief aus Istanbul : Kaufen Sie bitte nur ein Stück Brot!

          Erdoğan treibt die Menschen in der Türkei in die Armut. Er sucht Schuldige, erst im Ausland, dann im Inland. Doch die Menschen wissen, wem sie die Misere zu verdanken haben.