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Frege-Konferenz in Wismar : Die Menge aller Philosophen, die sich selbst verstehen

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Gottlob Frege Bild: akg-images

Gottlob Frege war eine Gründerfigur der modernen Logik und philosophischen Sprachanalyse. In Wismar fand jetzt eine internationale Tagung zu seinem Werk statt.

          6 Min.

          Im modularisierten, durchdidaktisierten und drittmittelabhängigen Hochschulbetrieb unserer Tage käme Gottlob Frege über den Status einer wissenschaftlichen Hilfskraft wohl kaum hinaus. Er erfüllte keines der heutigen Evaluationskriterien. Er war introvertiert und galt als schwierig, in seine Seminare verirrten sich nur wenige Studenten, über Netzwerke verfügte er nicht, und seine Publikationen wirkten auch auf Fachkollegen hermetisch. Anders als Bertrand Russell und Ludwig Wittgenstein, mit denen er sich austauschte, anders auch als sein Schüler Rudolf Carnap, blieb der 1925 gestorbene Frege bis in die 70er Jahre hinein auch in Fachkreisen ein Geheimtip.

          Der breiteren Öffentlichkeit sagt sein Name auch heute noch nichts - trotz seiner enormen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Wirkung. Frege überwand die scholastische Erstarrung der Logik, er modernisierte sie von Grund auf und legte damit auch das Fundament der theoretischen Informatik. Viele seiner Erkenntnisse haben die Konstruktion heutiger Programmiersprachen erst möglich gemacht. Die Hochschule in Wismar, dem Geburtsort Freges, hat sich schon zu DDR-Zeiten für die wissenschaftshistorische und -theoretische Aufarbeitung seines Werkes engagiert. In Fortsetzung dieser Tradition fand dort nun die „Dritte Internationale Frege-Konferenz“ statt. Sie beleuchtete die vielen Facetten einer Forschungsleistung, der - trotz der praktischen Resultate, die sie später zeitigte - ein rein philosophisches Erkenntnisstreben zugrunde lag.

          Zahlen als logische Gegenstände

          Für Frege bestand die Logik aus den ewig gültigen Regeln des richtigen Denkens und Schließens. Entschieden wandte er sich gegen die „Psychologisten“, für die Gesetze der Logik nur in der Natur des menschlichen Denkens wurzeln. Danach wäre Logik nicht mehr als ein nützlicher kognitiver Mechanismus, der wahr und falsch zu unterscheiden hilft, aber Gültigkeit nur im Rahmen der menschlichen Psyche und ihrer Wahrnehmung der Welt besitzt. Für die Psychologisten sind Wesen denkbar, die einer ganz anderen Logik folgen.

          David Zapero (Paris) machte deutlich, dass für Frege diese Vorstellung nicht einmal falsch, sondern buchstäblich sinnlos war, weil sich eine „Logik“ ohne die Gesetze der Identität und Widerspruchsfreiheit gar nicht ernsthaft denken ließe. In einer Zeit, in der ein Glaube an eine positivistische Einheitswissenschaft blühte, wandte Frege sich dagegen, die Logik in die Naturwissenschaften einzugemeinden. Für ihn existierten logische Wahrheiten in einem eigenen rationalistischen „Reich“, angesiedelt zwischen bloß subjektiven Vorstellungen einerseits und der physischen Welt andererseits. Den Bogen in die Aktualität schlug Zapero nicht, aber man darf annehmen, dass Frege der heutige Konstruktivismus mit seinem neurobiologisch begründeten Wahrheits-Relativismus zutiefst suspekt gewesen wäre.

          Ein Hauptziel Freges war die Grundlegung der Arithmetik durch die Logik, um so das Wesen der Zahlen zu bestimmen und zu beweisen, worauf die Wahrheit von Gleichungen wie 2 × 2 = 4 eigentlich beruht. Frege fasste Zahlen als eigene logische Gegenstände auf, die er mit Hilfe des Mengenbegriffs definierte: So ist „3“ die Menge aller Mengen, die drei Elemente umfassen und damit „Dreiheit“ als Eigenschaft aufweisen - eine scheinbar umständliche, aber dafür logisch strikte Definition eines alltäglichen Begriffs.

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