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Fangesänge im Fußballstadion : Auf gehts Jungs, singt ein Lied für uns!

  • -Aktualisiert am

Trotz Abstieg führt der Vfl Bochum die Liga der Fangesänge an Bild: picture-alliance/ dpa

Das Fußballstadion ist ein Ort der Experimente - und zwar nicht nur auf dem Spielfeld. In den letzten Jahren hat sich die Musiksoziologie des Phänomens der Fangesänge angenommen und dabei eine ganz eigene Kultur entdeckt.

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          Obwohl gerade abgestiegen, ist der VfL Bochum in einer anderen Liga unangefochtener Tabellenführer. So jedenfalls ergibt es sich aus der Seite fangesaenge.de, wo die Bochumer mit stolzen 212 Audiodateien ihrer Sangeskünste und Sprechchöre vertreten sind. Manches davon spiegelt die spezielle Leidensgeschichte der Fans dieses Vereins (“Wir steigen auf, wir steigen ab und zwischendurch Uefacup“). Auf einem gesicherten zweiten Platz in der deutschen Liga der Fangesänge folgen übrigens auch hier die Schalker.

          Die Musiksoziologie ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten nicht müßig geblieben und hat sich dieser Kultur mit wissenschaftlichen Methoden angenommen. Vor der WM 2006 scheint dieses Interesse seinen bisherigen Höhepunkt gefunden zu haben, neuere Untersuchungen sind rar und resümieren eher das Bekannte, als dass sie das reiche empirische Material mit neuen Fragen angehen (Georg Brunner, „Fangesänge im Fußballstadion“, in: Flickflack, Foul und Tsukahara. Der Sport und seine Sprache, hrsg. von Armin Burkhardt und Peter Schlobinski, Bibliographisches Institut Mannheim 2009). Von besonderem Interesse für die Musiksoziologie sind dabei die Voraussetzungen für den Gesang und die Repertoirebildung. Denn jeder, der einmal im Stadion war, weiß um die Innovationskraft, Unberechenbarkeit und auch den Witz der Kurve. Rätsel werden aber auch aufgegeben: „Schwarz-Weiß wie Schnee, du schöne SGE“, tönt es bekanntlich in Frankfurt. Auf einen ratlosen Kommentar der Expertin für Fangesang, Carolin Arndt, in dieser Zeitung folgten in den einschlägigen Foren zwei Deutungsangebote: Entweder Korrektur durch Kommasetzung: „Schwarz, weiß wie Schnee“ oder durch Rückführung auf Mundart: „wie schee“, also „wie schön“.

          Karnevalsverein, Autolieferant und deutscher Meister

          So oder so: Verein, Spiel und Gesangstexte gehen unvorhersehbare Verbindungen ein, das spontane Singen steht im Vordergrund. Versuche, diese Kulturform durch die Verbände und Vereine zu kommerzialisieren oder zu dirigieren, werden von den Fans empfindlich zurückgewiesen. Qualitative Vorstufen zu den Liedern sind spontane Primärreaktionen, rhythmisches Klatschen und Kurzgesänge. Fangesänge sind daher Ausdruck von gesellschaftlicher Selbstorganisation, die auch in den Texten und der Variation der Melodien zumeist keinen individuellen Urheber erkennen lässt.

          Die Deutsche Akademie der Fußballkultur krönte 2007 das „Schlumpflied” des 1. FSV Mainz zum Fangesang des Jahres
          Die Deutsche Akademie der Fußballkultur krönte 2007 das „Schlumpflied” des 1. FSV Mainz zum Fangesang des Jahres : Bild: picture alliance / dpa

          In der musikalischen Praxis wird viel ausprobiert, oft schon vor dem Spiel (Warmsingen und gegenseitiges Ansingen auf dem Weg ins Stadion); was sich dort bewährt, wird beibehalten. Dabei greift man oft auf das Repertoire bekannter Volksmusik, Weihnachtslieder und Schlager zurück, gezielte Kompositionen fürs Stadion sind kaum je erfolgreich geworden. Deren Melodien werden dann mit passenden Texten unterlegt. Aus „We all live in a yellow submarine“ wird dann „Ihr seid nur ein Karnevalsverein“ beziehungsweise „ein Autolieferant“, zu Guantanamera heißt es „Nie deutscher Meister, ihr werdet nie deutscher Meister“.

          Bier als Belohnung für erfolgreiche Fußballkultur

          Historisch wird immer wieder auf Ursprünge in England und Südamerika verwiesen, Liverpool mit seinem eindrucksvollen „You'll never walk alone“ gilt bei Fans aus aller Welt als Urhymne und Maßstab gelungener Performance. Doch die realen Transfer- und Imitationsprozesse scheinen noch wenig erforscht, international vergleichende Untersuchungen ein Desiderat nicht nur bei den Stadionhymnen. Tatsächlich sind nationale Eigenheiten mit Händen zu greifen, das kehlige deutsche „Sieg!“-Skandieren stößt nicht nur Ausländern unangenehm auf. Ebenso ist die Verbreitung rassistischer und antisemitischer Parolen in manchen europäischen Stadien schockierend und zivilisatorisch untragbar. Dagegen scheint ein „packt se, packt se, packt se und zerhackt se“ fast noch eine rustikal-volkstümliche Ausgabe verbaler Gewalt. Eine Erforschung der verschiedenen Regulierungsstrategien gegen extremistische Fangesänge wäre daher vermutlich auch für die verbandliche und polizeiliche Praxis lohnend.

          Positive Beispiele werden übrigens nicht nur wissenschaftlich, sondern auch gesellschaftlich gewürdigt. Die Deutsche Akademie für Fußballkultur zeichnete 2007 den „Fangesang des Jahres“ aus, es war das „Schlumpflied“ der Fans des 1. FSV Mainz 05. Als Preis gab es dann 500 Liter Bier für die siegreiche Fankurve. Merkwürdig nur, dass seither keine weiteren Ausschreibungen und Verleihungen stattfanden. Oder wollte man sich nicht die moralische Blöße geben, eine kreative Schmähung prämieren zu müssen? Die Auswahl scheint gerade hier besonders groß.

          Sprechakte oder Tröte des Terrors?

          Einen neuen Impuls für die Forschung könnte die bevorstehende WM geben - sofern sie denn das Singen überhaupt im gewohnten Maße fortführt. Die afrikanischen Fans neigen bekanntlich eher zur Vuvuzela, der Tröte des Terrors. Sie duldet neben sich kaum andere Darbietungen - und hat mit bis zu 123,9 Dezibel auch die Kraft, das durchzusetzen. Ob sie in ihrer geringen Differenziertheit ein musikalischer Gewinn ist, bleibt auch aus Fanperspektive abzuwarten.

          Denn Unterstützung des Spielgeschehens oder Hervorhebung einzelner Akteure (“Butt, Butt, Butt“) sind mit ihr kaum auszudrücken. Fraglich ist auch, ob sie sich beim Schiedsrichtermobbing oder in ihrer demoralisierenden Wirkung auf den Gegner mit den konventionellen Sprechakten messen lassen kann (“Ein bisschen schwarz, ein bisschen rot, und du siehst aus wie ein Idiot“). Empirische Studien zur Wirkung könnten hier den ersehnten Aufschluss bringen. Forschung, wir hör'n nichts!

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