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Erster Weltkrieg : Wenn Geisteshelden Hurra rufen

Die Kavallerie reitet aus. Auch 1914 jubelten die Leute vielerorts nur für die Kameras. Bild: dpa

Als der Erste Weltkrieg begann, jubelte das gemeine Volk zwar vielerorts, aber vor allem für die Kameras. Und es wurden Phrasen gedroschen - vor allem von Intellektuellen, die es vorher und nachher besser wussten.

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          Am 1.August 1914 machte Deutschland mobil. Das Ultimatum an Russland war um 12 Uhr abgelaufen, um 20 Uhr meldete der Botschafter aus St. Petersburg, er habe die Kriegserklärung überbracht. Dazwischen hatte London einen letzten Versuch unternommen, alles auf einen deutsch-russischen Konflikt zu begrenzen, was Wilhelm II. einleuchtete, der sofort die Truppen an der Luxemburger Grenze haltmachen ließ und Sekt bestellte.

          Um 23 Uhr aber begriff Berlin, dass der englische Außenminister missverstanden worden war, und der Kaiser sagte General Moltke, der zuvor schier durchgedreht war, weil sein Einmarschplan im Westen nicht mehr gelten sollte: „Nun können Sie machen, was Sie wollen.“

          Die Gründe für all das waren nach Auskunft der Historiker, die zuletzt maßgebliche Bücher dazu vorgelegt haben: Nationalismus im Machtvakuum des einstigen Osmanischen Reiches; ein instabiles Habsburger Reich; ein Blankoscheck der Deutschen, ihm beizustehen; ein ebensolche Unterstützung Russlands für Serbien; Beistandspakte mit europaweiten Dominoeffekten; Rüstungs- und Prestigewettläufe; der Glaube mancher Politiker und Militärs, ein Krieg komme sowieso, die Frage sei nur, wie die Chancen stünden, wenn man sich damit beeile; polit-ökonomisches Nullsummendenken: was eine Nation gewinne, gehe auf Kosten einer anderen; militärische Strategien ohne Plan B; die Illusion, an Weihnachten sei man ohnehin wieder zu Hause.

          Die Liste lässt sich leicht verlängern. Ursachen, Gründe, Anlässe, Ermöglichungsbedingungen, Motive: all das müsste man trennen, all das ist kaum zu trennen, wenn einem das Geschehen nacherzählt wird. Wer jetzt Gerd Krumeichs Bilanz „Juli 1914“ über das Hin und Her der Pläne, Depeschen und Verhandlungen jener Tage liest, sieht einer politischen, diplomatischen und militärischen Oberschicht zu, die, weit entfernt, Herr der Lage zu sein, nicht einmal Herr der eigenen Zwecke und ihrer Nebenfolgenabschätzung war.

          Eine Junge bringt am 1. August 1914 das Gewehr seines Vaters zum Bahnhof.

          Das alles mag man auch in späteren Zeiten wiedererkennen. Über Fatalismus, den Eindruck versperrter Zukunft, Orientierungslosigkeit, Illusionen, Lügen und betrogene Betrüger in der Politik lässt sich nach wie vor gut diskutieren. Dann rückt der Erste Weltkrieg ebenso nahe, wie wenn man in ihm den Beginn der Überforderung durch Technik oder das Ergebnis von Imperialismus erkennt.

          Was den ungeheuren Epochenabstand zum Ersten Weltkrieg ausmacht, ist etwas anderes. „Denn einerlei, was der Erfolg ist – dieser Krieg ist groß und wunderbar“, schrieb Max Weber Ende August 1914 an seinen Verleger. Sonst sterbe man an etwas, hier für etwas, hieß es später. Die Forschung hat längst erwiesen, dass von einer allgemeinen Kriegsbegeisterung nicht die Rede sein kann.

          Viel Jubel erfolgte auch damals schon für Kameras oder brach punktuell in urbanen Zentren aus, weil die vorherige Anspannung sich ein Ventil suchte. Abseits davon dominierte Beklemmung. Doch fast einhellig war die Begeisterung der intellektuellen Eliten. Kaum hatte der Krieg in Orientierungslosigkeit begonnen, wussten sie schon genau, was er bedeutete. Es blieben diejenigen in einer Minderheit, denen zum Ersten Weltkrieg nichts Großartiges einfiel.

          In Deutschland und Schweden wurden alsbald die „Ideen von 1914“ erfunden, die einen Konflikt zwischen Gesellschaftsmodellen erkennen wollten; reichlich bemüht, wenn man dazu die politischen Strukturen und kulturellen Traditionen auch nur Großbritanniens, Frankreichs und Russlands auf einen Nenner bringen musste.

          Mal kämpften angeblich Helden gegen Händler, Wehrpflichtige gegen angeworbene Mannschaften, mal Ritter der Fairness im Zeichen Christi gegen Hunnen, mal das erste Kulturvolk der Erde gegen unfreie slawische Barbaren, mal Ethiker gegen Individualisten, mal auch Seele gegen Geist. Thomas Mann, dem Letzteres einfiel, gab sich damals besonders viel Mühe im Herunterbeten einfacher Unterscheidungen.

          Das ist es, was im Rückblick fast mehr befremdet als die fatalen Dispositionen der Politik: die Hemmungslosigkeit, mit der Autoren Phrasen droschen, die ihre Sache vor dem Krieg und auch danach auf Argumente und präzises Beobachten gestellt hatten. Es war, als könnten sie nach einem Jahrhundert der Gelehrsamkeit der Verführung nicht widerstehen, dass nun alles ganz einfach werden würde – wenn man es sich nur einfach machte. Inzwischen überlassen sich viele Zeitdiagnosen dieser Verführung an der vergleichsweise friedlichen Gegenwart, von der sie glauben, die Zukunft zu sehen. Das ist auch nicht intelligent, aber harmlos: auch weil kein Intellektueller unserer Breiten ernsthaft noch in der Vorstellung leben kann, es käme auf seine Hurrarufe an.

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