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: Erlösungsliberalismus

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          6 Min.

          Die Entscheidungen auch der höchsten Gerichte werden im Rahmen sozialer Kontexte gefällt. Das Urteil des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten im Fall Grutter vs. University of Michigan Ende Juni, die "affirmative action", also die Bevorzugung von Minoritäten gegenüber weißen und asiatischen Kandidaten, gutzuheißen, orientierte sich an der sozialen und kulturellen Realität der Gegenwart. Das soziale Gut, dem fünf der neun Richter jetzt wieder - in Anlehnung an die Entscheidung des Supreme Court von 1978 - den Vorzug gaben, heißt "diversity". Ein gemischtrassisches Umfeld, so argumentierte 1978 Lewis Powell und jetzt wieder Sandra Day O'Connor, sei erzieherisch ein so hohes Gut, daß die rassische Herkunft eines Kandidaten als "Plus-Faktor" mit in Rechnung gestellt werden könne.

          Daß diese Entscheidung vielfach gefeiert wurde, hat zunächst pragmatische Gründe. Sie bekräftigt den Status quo und damit die etablierten Pfründe der schwarzen Mittelschicht. Denn sie, nicht die ökonomisch bedeutungslose Unterschicht profitiert von der bevorzugten Zuteilung von Studienplätzen, Jobs und Verträgen. Das Urteil stützt auch die Interessen der "diversity"-Industrie, von zahllosen selbsternannten "Rassenexperten" und "diversity consultants", die seit den frühen neunziger Jahren große und kleine Firmen in der Handhabung von "diversity" beraten. Im Jahr 1994 gab es fünftausend "diversity trainers", die am Tag zwischen 1500 und 2000 Dollar verdienten. Heute sind es ungleich mehr, und an der Entscheidung der Richter hing die Existenz einer Milliardenindustrie, die vor allem Schwarzamerikanern nicht nur Brot und Arbeit, sondern moralische Macht gibt. In seinem Buch "The True Believer" schrieb vor Jahren Eric Hoffer: "Wenn eine Massenbewegung anfängt, Leute anzuziehen, die vor allem an ihren Karrieren interessiert sind, ... hört sie auf, eine Bewegung zu sein, und wird zum Unternehmen."

          Schließlich bestätigt die Entscheidung auch den Status quo in der Industrie und schützt deren massive finanzielle Investition in die Diversifizierung und ins "sensitivity"-Training ihrer Belegschaft. Mehrere große Firmen, darunter Kodak, Ford Motor und General Electric, hatten unterstützende Gutachten eingereicht. Der Industrie bleiben damit kostspielige Diskriminierungsklagen erspart. Vor allem brauchen öffentliche und private Einrichtungen das eigentliche Problem, nämlich die weiterhin bestehende Kompetenzkluft zwischen weißen und asiatischen Kandidaten auf der einen und schwarzen und hispanischen Kandidaten auf der anderen Seite, jetzt nicht zu lösen. Das gilt auch für das Problem des nahezu vollständigen Ausschlusses der ökonomischen Unterschicht von den Begünstigungen, das jetzt nicht durch wirklich tiefgreifende teure Erziehungs- und Unterstützungsprogramme gelöst werden muß.

          Auf der Strecke bleibt weiterhin die Mehrheit der im Zuge der "affirmative action" zugelassenen Kandidaten, denen sowohl in der Industrie als auch an den Universitäten oft genug lange vor dem Ziel die Puste ausgeht. Die Statistiken sind in der Tat bedrückend. Die "drop out"-Rate schwarzer Studenten ist um ein Vielfaches höher als die weißer Studenten. Das ist nicht verwunderlich, denn die durch "affirmative action" zugelassenen Studenten sind in der Regel sehr viel weniger qualifiziert - sonst brauchten sie "affirmative action" ja nicht - und darum den Leistungsanforderungen oft nicht gewachsen.

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